2006, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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zur Müllthematik dominiert jedoch eine distanzierte, sachliche Haltung. DasKapitel über die Gegenständlichkeit des Abfalls überschreibt Windmüllermit ,, Lesen im Müll", womit sie sowohl die kognitive Leistung als auch denkörperlichen Vorgang des ,, Herausklaubens(, Lese‘)“( S. 286) meint. DieDinge im Müll dokumentieren, was aus dem Lebensumfeld ausgesondertwurde, weil es für die weitere Lebensumwelt nicht mehr notwendig zu seinschien.
Mit dieser Untersuchung von Müll und Abfall gelingt Sonja Windmüllerein fundierter Beitrag zu einem wenig beachteten Bereich der Sachkultur-forschung. Der kulturhistorische Zugang zeigt, dass die gegenwärtige Müll-debatte mit der Konzentration auf ökonomische und umwelttechnischeProbleme zu kurz greift und eine kulturwissenschaftliche Perspektive dieProblematik tiefgreifender erfassen kann. Dabei werden gegensätzliche,aber dennoch zusammenhängende Wahrnehmungs- und Handlungsmusterdeutlich, wie z.B. die kritische Beobachtung des als bedrohlich empfunde-nen Müllproblems auf der einen Seite, die Abschiebung des Mülls in diePeripherie auf der anderen Seite oder die Vernichtung und zugleich wertsi-chernde Erhaltung in der Müllbearbeitung.
Allerdings verschwindet in dieser Sachkulturstudie der Mensch hinterden Dingen, auch wenn von Windmüller die Mensch- Ding- Beziehung alswichtiges Forschungsinteresse betont wird. Lediglich die Müllarbeiter wer-den in einem Kapitel kurz betrachtet, der Mensch als Müllproduzent er-scheint eher marginal. Dennoch bildet die Untersuchung durch die beein-druckende analytische und theoretische Zugangsweise eine Bereicherungsowohl für die Sachkulturforschung als auch für die Mülldebatte, nichtzuletzt durch die von der Autorin vorgenommenen Ausblicke in die Gegen-wart, die die Aktualität dieser Arbeit unterstreichen.
Annegret Braun
SCHNEIDER, Ingo, Reinhard BODNER, Kathrin SOHM( Hg.): Kultu-relles Erbe(= Veröffentlichungen der Universität Innsbruck, 252). bricola-ge. Innsbrucker Zeitschrift für Europäische Ethnologie, 3, Innsbruck 2005.Studentenzeitschriften unterliegen oft dem Schicksal, daß sie nach einigenSchreib- und Publikationsversuchen auf Grund fehlender personeller Kon-tinuität und mangels finanzieller Basis mit dem Vermerk„, mehr nichterschienen“ in die Bibliothekskataloge und in die Fachgeschichte eingehen.Jedoch bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel: Die ,, bricolage- Inns-brucker Zeitschrift für Europäische Ethnologie" entwickelte sich inzwi-