Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
Seite
481
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2006, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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WINDMÜLLER, Sonja: Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwer-fen als kulturwissenschaftliches Problem.(= Europäische Ethnologie,Bd. 2). Münster, Lit- Verlag, 2004, 384 Seiten, 49 s/ w Abb.

Müll als die Kehrseite der Dinge, ist ein facettenreiches und auch ein sehrwidersprüchliches Phänomen: Einerseits wird Abfall aus unserer Gesell-schaft verdrängt, andererseits ist er aber aufgrund seiner problematischenPräsenz unübersehbar. Müll wird in der öffentlichen Abfalldebatte vor allemals ein ökonomisches, ingenieurtechnisches oder umweltpolitisches Prob-lem behandelt; kulturwissenschaftliche Fragestellungen hingegen werdenkaum berücksichtigt, ebenso wenig die Einbettung des Themas in einenhistorischen Kontext.

In ihrer Dissertation beschäftigt sich Sonja Windmüller mit dem moder-nen Abfallphänomen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Ihr geht esum die in der Gesellschaft verankerte Wahrnehmung von Müll und denUmgang damit. Diese Untersuchung, die in der Sachkultur verortet ist,nimmt sich damit einem Thema an, das auch in der Volkskunde bisher kaumbearbeitet wurde.

Als Quellenbasis dienten der Autorin historische Schriftstücke und Bild-material zweier sich überlappender Mülldiskurse, die zum einen von Exper-ten wie Ingenieuren, Medizinern, Hygienikern und Verwaltungsvertreternund zum anderen von den Medien geführt wurden. Mit der Fokussierung desZeitraums vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhun-derts zeigte Windmüller auf, welche neuen Verhaltensmuster sich im Um-gang mit der zunehmenden Müllproblematik herausbildeten und sich in derGesellschaft etablierten.

Im empirischen Teil der Untersuchung befasst sich Sonja Windmüllermit den Geräten zur Müllbearbeitung und schließlich mit dem Müll selbst,, in seinem stofflichen und gegenständlichen Konfrontationspotential"( S. 325).

Dabei nähert sich die Verfasserin der umfangreichen Thematik, indem siedas Abfall- Phänomen in sieben perspektivischen Verdichtungen zeigt, diezugleich den analytischen Kategorienkatalog dieser Untersuchung bilden:Die soziale Dimension des Mülls zeigt den Abfall als eine soziale Konstruk-tion und als ein Ordnungsbegriff. Die historische Dimension beleuchtet dieMüllthematik als ein modernes Phänomen und Problem industrialisierterGesellschaften. Der globale Austausch zeigt die kulturspezifischen Beson-derheiten. Dass der Umgang mit Müll eine geschlechtsspezifische Dimen-sion hat, wird unter dem Genderakspekt deutlich. Weitere Dimensionen sindder psychische Aspekt als ein Verdrängungsakt und die moralische Aufla-dung der Müllentsorgung sowie Abfall als stoffliche Manifestation.