Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LX/ 109, Wien 2006, 477-497
Literatur der Volkskunde
STIFTER, Christian H.: Geistige Stadterweiterung. Eine kurze Geschich-te der Wiener Volkshochschulen, 1887-2005. Wien, Verlag Bibliothek derProvinz edition seidengasse, 2005, 183 S.
Der vorliegende Band, erschienen in der von Hubert Christian Ehalt heraus-gegebenen Reihe ,, Enzyklopädie des Wiener Wissens“, bietet einen infor-mativen Überblick über die Geschichte der Wiener Volkshochschulen vonihren Anfängen bis heute. Vor dem Hintergrund der kulturpolitischen Ent-wicklung in Österreich behandelt der Autor, Direktor des österreichischenVolkshochschularchivs und durch zahlreiche Publikationen zum Themaausgewiesen, die Entstehung, Programmatik und Institutionengeschichteder wichtigsten Wiener Volksbildungseinrichtungen. Eine Stärke des Buchsliegt denn auch in der überzeugenden gesellschaftsgeschichtlichen Kontex-tualisierung des Themas Volksbildung, die die Lektüre auch für den allge-mein interessierten Leser interessant macht. Selbstverständlich ist ange-sichts des geringen Umfangs des Bandes keine detaillierte Analyse derkonkreten Volksbildungsarbeit und ihrer Akteure zu erwarten- vielmehr hatdie Darstellung einführenden Charakter und bietet sich als solide Ausgangs-basis für weiterführende Fragestellungen an.
In einem einleitenden Abschnitt zum Forschungsstand weist Stifter aufdie bis dato eher selten zur Kenntnis genommene Bedeutung der freienErwachsenenbildung im Kontext der sogenannten ,, Wiener Moderne" um1900 hin. Für ihn ist die Wiener Volksbildung als Teil eines kulturreforme-rischen Programms zu verstehen, das auf eine„, Verbindung von Wissen-schaft, Kunst und Öffentlichkeit( Politik) im Zusammenhang einer umfas-senden Zivilisierung der Gesellschaft“( S. 26) zielte. In diesem Sinne bildetdie starke Volksbildungstradition der Stadt einen in der Geschichtsschrei-bung des Wiener ,, fin de siècle" bislang vernachlässigten Aspekt.
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Das Buch ist abgesehen von den einleitenden Abschnitten und einemkurzen Resümee- in neun chronologisch fortschreitende Kapitel gegliedert.Bei einer insgesamt ausgewogenen Darstellung der verschiedenen Zeitab-schnitte liegt der Schwerpunkt der Analyse auf der Entwicklung zwischen1887 und 1934 und auf dem grundlegenden Prozess der ,, Demokratisierungvon Bildung und Wissen“( S. 51) in Monarchie und Erster Republik. Einbesonderes Charakteristikum der Wiener Volkshochschulen war die enge