Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
Seite
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2006, Heft 3

Literatur der Volkskunde

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up with the history of nation- building." Schade, dass gerade dieser wichtigePunkt nur in wenigen Beiträgen angemessen berücksichtigt wird. Erhellendist die Hervorhebung beziehungsgeschichtlicher Aspekte der Weiterent-wicklung der jeweiligen Fachtraditionen, ebenso die Erörterung theoreti-scher Neuerungen, wie etwa die Frage nach tatsächlichen oder rhetorischenmarxistischen Forschungsansätzen nach 1949, und nicht zuletzt die Diskus-sion über den Umgang mit dem fachgeschichtlichen Erbe aus sozialistischerZeit.

Zusammen genommen entsteht ein widersprüchliches Bild. Die Beiträgeoszillieren, je nach Autor, zwischen der These, dass sich trotz des ungeheu-ren politischen Drucks während der sozialistischen Jahrzehnte dank derDurchsetzungskraft einzelner starker und unkorrumpierbarer Forscherper-sönlichkeiten innovative Strömungen durchsetzen konnten, und der These,dass die hier behandelten Disziplinen der Kultur- und Sozialanthropologievon Anbeginn an für die politische Indienstnahme prädestiniert waren undsomit deren Entwicklung nur in diesem Zusammenhang zu verstehen ist.Daher ist die Lektüre des vorliegenden Bandes eigentlich nur solchen Lesernangeraten, die bereits über Vorkenntnisse über den hier behandelten Gegen-stand verfügen und die Interpretationen der hier versammelten Zeitzeugenund ihrer Schüler einzuordnen wissen. Dann sind durchaus gewinnbringen-de Einblicke in länderübergreifende Entwicklungen und Problemlagen dersozialistischen und postsozialistischen Ethnowissenschaften garantiert.Blanka Koffer

BAUER, Ingrid, Christa HÄMMERLE, Gabriele HAUCH( Hg.): Liebeund Widerstand. Ambivalenzen historischer Geschlechterbeziehungen(= L'HOMME, Schriften Band 10, Reihe zur Feministischen Geschichts-wissenschaft), Wien u.a., Böhlau, 2005.

Der Sammelband zu einem internationalen Symposion, das 2002 zum An-lass des 60. Geburtstages Edith Saurers in Wien stattfand, enthält eine Füllean Themen und Zugängen zum Thema Liebe und Widerstand, deren klein-ster gemeinsamer Nenner die Historische Anthropologie ist, was sich vorallem in einem erweiterten bzw. breit angelegten Quellenkanon manifestiert.

Der einleitende Artikel der Herausgeberinnen bildet einen Höhepunkt desBandes, indem er ansetzend bei der schwierigen Relation von wissenschaft-licher Forschung und deren Auseinandersetzung mit Gefühlswelten, sichweiterbewegt zu Basiskonzepten und theoretischen Ansätzen von RolandBarthes, Simone de Beauvoir, Anthony Giddens und Niklas Luhmann. Die