Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LX/ 109

erklärt das AutorInnenkollektiv, sei im ,, Stadium ihrer Dysfunktionalitätangekommen( S. 17).

Dann wird auf Basis von Interviews erörtert, wie es ist, zu ,, Arbeiten, woandere Urlaub machen( Werbeslogan des AMS). Jana K., zum Beispiel,24- jährige gelernte Köchin aus Leipzig, wurde als Hilfsköchin nach Lecham Arlberg geholt. In ihrer vierten Saison leitet sie die Küche einer kleinenDependance; für den Sommer hat der Küchenchef des Stammhauses sienach Kärnten vermittelt. Diese und andere kurze Geschichten berichten vonder Umstellung auf stressige, intensive Saisonarbeit, von guten Löhnen undAufstiegschancen und vom ,, weltweiten sozialen Netzwerk professionellerGastronomiesubkultur( S. 16)( der Sommerjob am Kärntner See!). In die-sem Abschnitt- die Texte wirken insgesamt nicht ganz aus einem Guss-werden die Anforderungen neoliberaler Arbeitswelten unkritisch akzeptiertund als individuelle Entwicklungsmöglichkeiten gedeutet.

Es folgt eine Beschreibung des Tourismus in Tirol, inklusive eines histori-schen Rückblicks- jedenfalls Eckdaten zur Geschichte dieses Wirtschafts-zweigs nach dem Zweiten Weltkrieg werden geliefert. Quellenangaben findensich zwar hinten im Buch, die Herkunft von Zahlenmaterial oder Interviewzi-taten ist im Einzelnen aber nicht nachvollziehbar. Skeptisch stimmen Aussagenwie: ,, gerade die hochgelegenen Alpentäler und-gemeinden, die heute alswuchernde Massentourismus- Destinationen bekannt sind,[ waren] bis in die60- er Jahre des 20. Jahrhunderts von extremer Armut und infolgedessen auchvon starker Landflucht gekennzeichnet( S. 25). Interpretationen muten öftersobskur an: ,, Die Stammtische repräsentieren traditionell lokale NGOs( S. 25),mitunter auch die vorausgehenden Beobachtungen: ,, Trotz der topographischbedingten Enge handelt es sich nicht um gänzlich von der Außenwelt abge-schlossene Täler oder Dörfer.( S. 31) Hier ist Tirol heute gemeint. Andereswieder ist anregend wie die Diagnose, dass bislang Arbeitsmigration undtouristische Reiseströme gegenläufig waren und sich diese Mobilität in denalpinen Tourismusregionen gerade signifikant verändert. Oder die beobachtetenParallelen zwischen den neuen deutschen Bundesländern und Tiroler Touris-muszentren hinsichtlich saisonaler Wachstums- und Schrumpfungsprozesse:,, Dem Typus der Saisonstadt in den Alpen entspricht demnach eine, inverse'Saisonstadt im Osten( S. 39)- ein bisschen überzogen vielleicht, aber interes-sant. Die Saisonniers, die zu Hause in Ostdeutschland Urlaub machen, nehmenihre Region anders wahr. Sie sehen vieles mit touristischen Augen und habenneue Ansprüche. Daran knüpfen die AutorInnen die Utopie, dass veränderteWahrnehmungen und Erwartungen ,, auch einmal ein verstärktes zivilgesell-schaftliches Engagement zur Folge haben( S. 41) könnten. Es ginge darum,Gelerntes eigeninitiativ in der alten, Heimat' umzusetzen; fantasiert wirdunter anderem, dass eine ehemalige Saisonarbeiterin eine ,, Tirol Bar Ost"