2006, Heft 3
Chronik der Volkskunde
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aktuellen Momentaufnahme das, was die Frauen als Trägerinnen derTracht erleben und wovon sie( in Hörbeispielen) erzählen. Das ist eindurchaus neuartiger Zugang, der sich mit den Ausstellungsobjekten insofernverknüpfen lässt, als die Appenzeller Trachten, wiewohl zu denselben An-lässen getragen, reicher, bunter und kostbarer sind als die Lötschentaler. Sieverraten den Zusammenhang mit den Luxusprodukten der dortigen( frühe-ren) Handstickerei und eine früher entwickelte Geldwirtschaft, gleichzeitigaber auch den moralisierenden und reglementierenden Einfluss der schwei-zerischen Trachtenbewegung seit den 1930- er Jahren, der im Gegensatzsteht zur modischen Zierlichkeit und mehr oder weniger verhüllten Erotik,die die Frauentrachten in der Blütezeit der Molkekuren im 19. Jahrhundertauszeichneten.( Die Lötschentaler Frauen haben sich bis heute der Schwei-zerischen Trachtenvereinigung nicht angeschlossen.) Durch die Aussagender heutigen Appenzellerinnen zieht sich das staunende Glücksgefühl, in derTracht Beachtung zu finden, Bewunderung zu erregen, schön zu sein.Spätestens hier muss der Wunsch nach einer geschlechterbezogenen Analy-se laut werden. Der Katalog und beide Ausstellungen umgehen diese The-matik und verzichten damit auf eine Frage, die gerade von ihren Ansätzenher und im regionalen Vergleich wichtige Einsichten ermöglichen könnte.Das mag( wohl nicht nur) mit den knappen personellen Ressourcen zusam-menhängen, sollte aber in irgendeiner Form nachgeholt werden. Auf jedenFall zeigt das Projekt in beispielhafter Weise auf, wie lehr- und ertragreicheine solche Kooperation auch in der Regionalforschung und zwischenkleinen Museen sein kann, wie sie Zusammenhänge zu verdeutlichen ver-mag und eine Fülle neuer Anregungen zu geben weiß. Gratulation!- etvivant sequentes!
Christine Burckhardt- Seebass
Herder- Preis 2006
Würdigung für PhDr. Gabriela Kiliánová CSc.Auszug aus der Laudatio anlässlich der Preisverleihungam 5. Mai 2006 in Wien
Dr. Gabriela Kiliánová, Direktorin des Instituts für Ethnologie der Slowa-kischen Akademie der Wissenschaften, ist- im besten Sinne des Wortes-eine Brückenbauerin zwischen Ost und West. Geboren 1951 in Bratislava,studierte sie an der Komenius- Universität in Bratislava Volkskunde, wo sie1977 mit einer Dissertation über ,, Das Problem des Erzählens in der Folklo-