Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LX/ 109, Wien 2006, 317-330
Mitteilungen
Volkskunde in Wien 1966-2006¹
Olaf Bockhorn
Was, könnte man sich angesichts dieses Titels fragen, was war 1966? Wennes in diesem Vortrag um die jüngere Fachgeschichte gehen sollte, wäre esda im Hinblick auf das vorjährige ,, Gedenkjahr“( um den irreführenden,weil zwölf Monate lang wenig spürbaren Begriff ,, Gedankenjahr“ zu ver-meiden) nicht sinnvoll gewesen, an diesem Ort mit 1945 zu beginnen- mitder Heimkehr von Leopold Schmidt aus dem Krieg, dem Beginn seinerTätigkeit im Österreichischen Museum für Volkskunde? 1946 folgte, fach-geschichtlich nicht weniger wichtig, an der Universität die Anerkennungbeziehungsweise der Abschluß seiner während des Krieges an der BerlinerUniversität bei Adolf Spamer eingeleiteten Habilitation.
Für gut fünfzehn Jahre sollte Schmidt als Dozent und Titularprofessornahezu allein für die akademische Ausbildung von Studierenden der Volks-kunde verantwortlich zeichnen, unbedankt von der Universität, über Jahr-zehnte geachtet, zumeist sogar verehrt von seinen Hörerinnen und Hörern.Etliche blieben dem Studienfach beruflich treu, manche waren auch univer-sitär tätig: Elfriede Moser- Rath in Deutschland, Norbert Riedl in den USA,Klaus Beitl, Mitarbeiter und Nachfolger Schmidts im Museum, in Graz undWien. Nahezu allein trug Schmidt auch die Verantwortung für die von ihm1947 wiederbegründete ,, Österreichische( statt, wie von 1919-1944 ,,, Wie-ner") Zeitschrift für Volkskunde." In dasselbe Jahr fiel auch die Erstveröf-fentlichung seines Aufsatzes ,, Die Volkskunde als Geisteswissenschaft", derviele seiner konservativen oder noch immer völkisch denkenden Kollegenverstören sollte.
Das alles ist inzwischen weitgehend bekannt; jene, die Leopold Schmidts,, Curriculum vitae“ gelesen haben, kennen auch seine, des ,, Außenseiters"( wie er sich selbst bezeichnete) Sicht der Dinge. Über die andere Seite ,,, den
1 Vortrag, gehalten im Rahmen der Abschiedsfeier für wHR i.R. Hon.- Prof. Dr.Franz Grieshofer am 31. März 2006. Für die um einige persönliche Bemerkungenund Absätze bereinigte Druckfassung wurde auf Anmerkungen verzichtet, nichtaber auf ein Verzeichnis der verwendeten bzw. der( nicht immer namentlich)erwähnten Literatur( siehe Literaturverzeichnis im Anhang).