Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LX/ 109

sind, also in Nordwest- und Nordeuropa? Rund ums Mittelmeer spielt sich dasLeben jedenfalls weniger ausgeprägt hinter den eigenen vier Wänden ab.

Ich möchte aber nicht ungerecht sein oder Beckmesserei betreiben. Esgehören schon Mut und viel Arbeit dazu, sich an prägende mentale Struktu-ren einer ganzen Nation heranzuwagen. Diese präzise herauszuarbeiten undmöglicherweise auch noch ausgedehnte Ländervergleiche anzustellen, wäreein gewaltiges Forschungsfeld, möchte man nicht in Stereotypien abgleiten.Dass das sehr schwierig ist, zeigt sich indirekt daran, dass an einigen Stellen,etwa in den Kapiteln über Körperhygiene sowie die Bedeutung der Dinge,kaum etwas spezifisch Deutsches erwähnt wird, sondern primär allgemeineEntwicklungslinien der Moderne skizziert werden. Und dennoch ist es einenVersuch wert nicht nur, weil die Volkskunde dafür primär zuständig ist,sondern auch, weil ein Bedürfnis danach in breiten Schichten der Bevölke-rung existiert. Dem kommt das Buch entgegen, denn es ist allgemeinverständlich geschrieben und wandelt auf dem schmalen Grad zwischenSachbuch und wissenschaftlichem Werk( ein Literaturverzeichnis ist vor-handen, allerdings fehlen Fußnoten). Für Laien ist es eine Fundgrube, dennsie lernen, daß heutige Selbstverständlichkeiten gar nicht selbstverständlichsind, sondern sich in historischen Prozessen allmählich entwickelt haben.Und der Fachmann bzw. die Fachfrau werden daran erinnert, dass einemscheinbar ,, verstaubten Thema neues Leben eingehaucht werden kann.

Was aus zugegebenermaßen österreichischer Sicht- allerdings ein we-nig stärker hätte thematisiert werden können, ist die in der Einleitungerwähnte Neigung der Deutschen zur Direktheit sowie der Wunsch, allesreglementieren zu wollen( S. 10). Das sind Eigenschaften, die hierzulande,vor allem im Osten der Republik, immer wieder Verwunderung hervorrufenund Anlass für Missverständnisse geben. Aber um dem genauer nachzuge-hen, müsste man sich wahrscheinlich nicht nur auf, sondern auch unterHempels Sofa genauer umschauen.

Bernd Rieken

BRAUN, Annegret: Frauenalltag und Emanzipation. Der Frauenfunkdes Bayerischen Rundfunks in kulturwissenschaftlicher Perspektive( 1945–1968).(= Münchner Beiträge zur Volkskunde Band 34). Münster/ NewYork/ München/ Berlin, Waxmann Verlag, 2005, 378 S., 4 s/ w Abb.

Die neueste Veröffentlichung in der ,, Gelben Reihe" der Münchner Beiträgezur Volkskunde behandelt nur auf den ersten Blick ein regionales Themen-feld. Die Studie von Annegret Braun zum Frauenfunk des Bayerischen