Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
Seite
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2006, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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Wiederkehr des Ethnographen ein Ausblick sein will. Lindner streichthier nicht nur noch einmal jene Kontinuität in der Geschichte der Stadtfor-schung heraus, die in dem exotistisch geprägten Interesse für die, dunklen',unbekannten Seiten der Stadt besteht, sondern stellt weitreichende Überle-gungen über die Gründe für die, Renaissance der Ethnographie als For-schungs- und Darstellungsweise nach der Krise der ethnographischenRepräsentation an. Es sei wieder ,, Kritik an dem mageren Bücherwissen zuvernehmen", die auch schon ,, junge brillante Harvard- Absolventen gegenEnde des 19. Jahrhunderts zum Journalismus als Erfahrungswelt stoßenließ"- und Ethnographie biete sich an ,, als eine Forschungs- und Darstel-lungsweise, die den Wissenschaftler mit dem Leben versöhnt( S. 209).

In seinen ,, Walks on the Wild Side" fusioniert Lindner weithin bekanntemit eher unbekannten Episoden der Geschichte der Stadtforschung. Dabeigelingt es ihm, Zusammenhänge herzustellen, auf immer wieder kehrendeDenkfiguren aufmerksam zu machen, aber auch prägnant das jeweils Neuean exemplarischen Studien herauszustreichen. Die Einbeziehung breiterKontexte in seine Darstellung der Stadtforschung hilft diese zu verstehenund macht einmal mehr deutlich, wie eng Wissenschaft mit Gesellschaft,Politik und Kultur verzahnt ist, und auch, welche Rolle oftmals biographi-sche Einflüsse auf die Tätigkeit von ForscherInnen einnehmen. Schön auch,dass bereits der Untertitel darauf aufmerksam macht, dass der Band nichtdie Geschichte der Stadtforschung wiedergibt, sondern eine unter vielenmöglichen diesfalls, auch wenn es der Titel nicht preisgibt, eine mitbesonderem Blick auf ethnographische Stadtforschung.

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Mit ,, Walks on the Wild Side" ist Lindner ein Buch gelungen, das zeigt,wie spannend Kulturwissenschaften und Wissenschaftsgeschichte sein kön-nen, auch ohne dabei ins Populistische zu geraten.

Tobias Schweiger

SCHWIBBE, Gudrun, Ira SPIEKER: Bei Hempels auf dem Sofa. Auf derSuche nach dem deutschen Alltag. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchge-sellschaft und Primus Verlag, 216 Seiten. Mit Beiträgen von Maria Baal-mann, Martina Lüdicke und Susanne Ude- Koeller.

,, Hier sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa, sagt man in Deutschland,wenn man andeuten möchte, daß es unordentlich zugeht- ein Ausspruch,der Lutz Röhrichs Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten zufolge erstAnfang der 90er Jahre in Umlauf gekommen sein soll.' Gudrun Schwibbe

1 Bd. 2, Freiburg, Basel, Wien 1994, S. 698.