2006, Heft 2
Literatur der Volkskunde
223
Sozialpädagogen Friedrich Siegmund- Schultze- inmitten von ,, Elendsvier-teln" auf deren angestammte BewohnerInnenschaft moralisch erhebend zuwirken. Forschungen im Rahmen der ,, Sozialen Arbeitsgemeinschaft Ost",die neben der Verteilung von Kneipen und dem Kneipengeschehen zumBeispiel ,, Familien- und Wohnverhältnisse“( S. 104) zum Gegenstand hat-ten, sollten letztendlich der praktischen Arbeit, dem ,, Aufbau einer neuenNachbarschaft“( S. 103) zugute kommen.
Den Wandel der( soziologischen) Stadtforschung weg ,, von der Praxisder[...], evangelikalen' Soziologie“( S. 117) und hin zu einer empirischvorgehenden Forschung, die von ,, interesselosem Interesse“( S. 120) gelei-tet wird, beschreibt Lindner mit seiner Würdigung der„, Chicago School ofSociology", die unter dem prägenden Einfluss Robert E. Parks( 1864–1944)einige ,, Klassiker“ soziologischer Stadtforschung hervorbrachte. In prä-gnanter Kürze handelt Lindner die wesentlichen Neuerungen sowie dieEigentümlichkeiten der Stadtforschung Chicagoer Prägung ab, weist auf dieHerkunft des Parkschen Denkens( aus der Praxis des modernen Journalismussowie von Georg Simmels Überlegungen zur Großstadt) hin, stellt exemplarischeine der wichtigen Studien aus Chicago- Nels Anderson's ,, The Hobo"vor und berichtet vom ,, frühen Einfluss" nämlich schon ab den 1920erJahren- ,, der Chicago- Schule auf die Kölner Soziologie“( S. 136).
_
Auf deutschsprachige Pendants zu soziologischen Stadt( teil) studienweist Lindner auch im folgenden Kapitel hin: Christel Bals' Studie ,, Halb-starke unter sich“( 1962) bringt er in Verbindung mit William F. Whytesklassischer Studie ,, Street Corner Society“ von 1943. Im Zusammenhangmit( englischsprachigen) ,, community studies“ von Herbert J. Gans( ,, TheUrban Villagers", 1965) sowie Michael Young und Peter Willmotts( ,, Fa-mily and Kinship in East London“, 1957) verweist er auf Arbeiten überstädtische Bergarbeitersiedlungen im Ruhrgebiet in den 1970er und 1980erJahren, darunter eine Studie von ihm selbst und Heinrich Th. Breuer. Dabeiwird kritisch vermerkt, dass diesen community studies, die sich kleinen,überschaubaren Einheiten innerhalb einer Stadt oder städtischer Gebietezuwandten ,,, sozialromantische Züge“ anhaften:„ Die Ethnographen ver-standen die Siedlungen als Solidaritätsenklaven und machten sie zu utopi-schen Vorboten einer Gesellschaft als Gemeinschaft.“( S. 169) Eine roman-tische Attitude ist bereits in Whytes Klassiker ,, Street Corner Society“ zuerkennen, für den der Soziologe in das Feld eines italienischen Viertels imNorth End von Boston eintauchte. Die Untersuchung, in der Whyte ,, einengrundlegenden empirischen Beitrag zur Theorie der informellen Gruppe[ leistet]"( S. 153), zeichnet einerseits der ethnographische Zugang durchteilnehmende Beobachtung und vor allem- damals noch eine Neuheit- dieOffenlegung der Felderfahrungen und des ethnographischen Forschungs-