Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LX/ 109

Artikel in Eigenregie unter dem Titel ,, London Labour and the LondonPoor" in Heftform heraus. Themen seiner Darstellungen waren vor allemeinzelne Berufsgruppen, die er gleichsam als, Subkulturen beschrieb.Mayhew registrierte nicht nur soziale Tatsachen, sondern interessierte sichfür die ganze Bandbreite kultureller Äußerungen. In diesem Sinn istMayhew mehr als nur Sozialforscher ,,, der eine Armutsstudie durchführt";er ist ,, Ethnograph des Londoner Straßenvolks( S. 52).

Neben den Qualitäten seiner Arbeit, wie Unvoreingenommenheit den zuuntersuchenden Menschen gegenüber sowie seinem ,, Respekt für die Ge-währsleute( S. 68), findet sich bei Mayhew auch erstmals die Idee eines,, studying up": Hatte die Stadtforschung bis dahin stets den bürgerlichenBlick von ,, oben" auf, die da unten" repräsentiert, so stellte Mayhewimmerhin Überlegungen zu einer Untersuchung auch der oberen Schichten an.In seinem( nie realisierten, geschweige denn realisierbaren) Mammutprojekt,, The Great World of London" hätten sämtliche soziale Schichten, also auch diehöheren, beschrieben werden sollen. Lindner spricht hier von einem ,, sehrfrühen Entwurf[...] zu einer ethnographischen Eliteforschung"( S. 63).

Charles Booths( 1840-1916) Forschungen zur Stadt sind um vieles her-kömmlicher, wenngleich sie sich in ihrer Dimension und ihrer methodischenSystematik von ähnlich gearteten Vorgängerarbeiten abheben. Booth, der,aus der Geschäftswelt kommend, seine Forschungen wie ein großes Ge-schäftsunternehmen organisierte, ging es darum zu erheben, wie groß derAnteil der Armen an der Gesamtbevölkerung Londons war. Zur Beantwor-tung dieser Frage ging er strikt empirisch vor: Er ging von vorhandenenStatistiken aus und ergänzte sie mit Datenmaterial, das er und ein ganzerStab von MitarbeiterInnen( darunter auch die Beamten der Schulaufsichts-behörde sowie weiteres ,, gesellschaftliches Aufsichtspersonal"[ S. 80]) flä-chendeckend sammelten; doch auch Elemente von, teilnehmender Be-obachtung" finden sich als Bestandteil seiner Erhebungsmethoden.

Ein ,, bislang unbekanntes Kapitel in der Stadtforschung"( S. 100) schlägtLindner auf, wenn er von jenen Forschungen berichtet, die, ganz klar vonder Arbeit Booths inspiriert und dessen Methoden und Darstellungsweisenübernehmend, in den 1920er Jahren in Berlin im Rahmen der, Settlement-bewegung" durchgeführt wurden. Themen solcher Erhebungen waren bei-spielsweise( in heutiger Begrifflichkeit) Ökologie und Soziologie derKneipen( S. 107) im Berliner Osten. Derartige Studien entstanden imKontext missionarisch- kolonialistischer Bestrebungen der Sozialen Ar-beitsgemeinschaft Ost, eines 1911 nach englischem Vorbild in dem Arbei-terInnenbezirk Friedrichshain gegründeten Settlements. Die Idee von ,, Sett-lements" war es, durch die Ansiedlung ,, bürgerlich- solider Menschen"- imBerliner Fall einer Gruppe Studenten um den evangelischen Theologen und