Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde109 (2006) / N.S. 60Danglová, Ol'ga: Eine ethnologische Betrachtung des Wertestudiums

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Eine ethnologische Betrachtung des Wertestudiums : Werte der vormodernen Welt des slowakischen Dorfes
Einzelbild herunterladen
 
  

2006, Heft 2

Eine ethnologische Betrachtung des Wertestudiums

163

dernisierung, deren Bestandteil die Kollektivierung war, bedeutetenicht nur das Bemühen um die Modernisierung der bäuerlichenWirtschaft nach kollektivistischen Vorstellungen, sie bedeutete auchein Infragestellen der bis dahin geltenden Welt der Werte, der Sinn-haftigkeit des Besitzes, vor allem des Landbesitzes, was für denBauern den Zusammenbruch des Grundpfeilers des materiellen Wer-tes, den das Land für den Bauern darstellte, bedeutete. Zusammendamit wurde auch das bestehende Prinzip der sozialen Schichtungzerstört. Die sozialistische Kollektivierung beeinflusste auch dieBeziehung zur Arbeit. Sie unterstützte die Teilung zwischen Arbeits-und häuslichem Leben, zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit.Sie griff in das Familienleben ein, dessen Gang sich vor allem in densog. Kleinbauer- Metallarbeiter- Gemeinden wandelte, wo die bezahl-te Arbeit( vor allem der Frauen) in der Genossenschaft mit derbezahlten Arbeit( vor allem der Männer) in der Industrie kombiniertwurde. Zusammen mit dem Doppeleinkommen der Eheleute wuchsdie Zahl der tagsüber menschenleeren Häuser, wandelte sich dieArbeitsteilung, die Stellung der Frauen, der älteren Mitglieder imRahmen der Familie. Parallel dazu vollzog sich auch ein Wertewandelin Bezug auf die Familie als Institution. Mit dem Aufkommen derKonsummöglichkeiten wuchs die Anzahl der Menschen, die sich zuKonsumwerten bekannten. Die lokale Mikrowelt als Ort, als Schau-platz des Geschehens wurde von ziemlich fernen, fremden Einflüssendurchsetzt und geformt.

Mit der voranschreitenden Transformation als Bestandteil der Glo-balisierung erweitert und intensiviert sich der Prozess der gegensei-tigen Durchsetzung des Lokalen mit dem Fernen. Zugleich lockernsich die Beziehungen zwischen den lokalen und fernen gesellschaft-lichen Formen und Ereignissen. Das geschieht dabei in einem dialek-tischen Prozess, weil die lokalen Ereignisse sich in der entgegenge-setzten Richtung zu den fernen Beziehungen, die sie formen, ent-wickeln können. Das Ergebnis ist dann nicht zwangsläufig ein allge-mein gültiges Ensemble von in einer Richtung wirkenden Verände-rungen, sondern das Wirken von einander entgegengesetzten Tenden-zen( Giddens 2003, S. 18-26). Ich erwähne diese Giddenssche Erklä-rung der Globalisierung von Modernität und Transformation aus demGrunde, weil die heutige, auf die lokale Mikrowelt begrenzte For-schung nicht mehr bedeutet, dass es sich um eine kompakte Welt miteinem festen, in sozialen Normen objektivierten Wertsystem handelt,