Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde109 (2006) / N.S. 60Podoba, Juraj: Aus der Perspektive Norbert Elias': Stabilität und Veränderungen der Wertesysteme in der Epoche des späten Sozialismus

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Aus der Perspektive Norbert Elias': Stabilität und Veränderungen der Wertesysteme in der Epoche des späten Sozialismus : Adam Pranda und das Studium der Werte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Einzelbild herunterladen
 

2006, Heft 2

Stabilität und Veränderungen der Wertesysteme

137

das Beispiel eines Landes mit verspätet und eingeschränkt einsetzen-den Modernisierungsprozessen. Die Slowakei der ersten Hälfte des20. Jahrhunderts ist ein Land, in dem sich spätagrare und frühindu-strielle Elemente auf besondere Art und Weise und mit vielen nega-tiven Auswirkungen auf die soziale Lage der Bevölkerung über-schneiden. Das kommunistische Regime versuchte dieses Problemdurch die ihm eigene radikale, ungeduldige und gewaltsame Moder-nisierung in Verbindung mit der Zerstörung sozialer Beziehungen undBindungen zu lösen.

Wie bereits vor 28 Jahren Adam Pranda( 1978, S. 243) feststellte,wurde das Einfamilienhaus zum Zentrum und Ziel aller Bestrebungenund gelangte folglich auch in das Wertesystem der Bevölkerung aufdem spätsozialistischen slowakischen Dorfe. Meine Analyse dieserProzesse und ihre Ergebnisse wurden bereits in zahlreichen Textenveröffentlicht( siehe Literaturverzeichnis), so dass ich mich hierlediglich auf die Feststellung eines opulenten Raumkonsums, desBaus eines Hauses als Status- und Prestigesymbol, verbunden miteiner kulturellen Desorientierung der Bevölkerung auf dem slowaki-schen Dorfe beschränke. In dem durch den stürmischen Wandelgesellschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehungen und sozialerStrukturen geprägten Werteraum begann sich diese Bevölkerung anKulturvorbildern zu orientieren, die mit dem von der Ideologie ge-priesenen ,, neuen Menschen nichts gemeinsam hatten. Sie orientier-ten sich an höheren Schichten älterer Epochen, an geprägten Vor-bildern, bzw. an den eigenen Vorstellungen, die in die Bedingungendes sozialistischen Dorfes eingepflanzt wurden. Der von Elias alsRationalität der höfischen Gesellschaft interpretierte pompöse Luxusder Aristokratie stellt für einen gewöhnlichen Dorfbewohner eineunvernünftige Investition dar, die er sich jedoch, gefördert durch denbreiten Familienkreis zum Lebenszweck gemacht hat. Die Anwen-dung solcher Kulturvorbilder überschnitt sich mit Jahrhunderte langgeprägten Modellen regionaler bäuerlicher Kulturen, deren Haupt-

mene des 20. Jahrhunderts. Diese hatten in der Regel bereits im vorigen Jahrhun-dert ihren Ursprung und fanden im nachfolgenden Jahrhundert ihren Ausklang.Diese Einstellung zu langfristigen Prozessen ist ein Gegenpol zur Meinung EricHobsbawms, der das ,, kurze 20. Jahrhundert durch zwei geschichtliche Ereig-nisse abgrenzte. Die Unterschiedlichkeit dieser Thesen drückt Unterschiede inden Einstellungen der politischen und sozialen Geschichte aus( vgl. Hobsbawm1998).