Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LX/ 109

WALDNER, Annegret: Tiroler Wildbäder, Sommerfrischorte undBauernbadln. Bade- und Sommerfrischwesen im Spannungsfeld kulturellerWandlungsprozesse von der frühen Neuzeit bis zum beginnenden 20. Jahr-hundert.(= Beiträge zur Europäischen Ethnologie und Folklore. Reihe A:Texte und Untersuchungen; Bd. 6). Frankfurt am Main, Berlin u.a., PeterLang Verlag, 2003, 184 Seiten.

Annegret Waldners Buch, das in der Reihe der von Leander Petzoldt heraus-gegebenen Beiträge zur Europäischen Ethnologie und Folklore erschienenist, darf ohne weiteres als feine Tirolensie bezeichnet werden, die denvorzüglichen Charakter eines kleinen Nachschlagewerks besitzt. Zum einengelingt es der Autorin, einen guten Überblick über die Kulturgeschichte derBäder und Sommerfrischen in Alttirol zu geben, wobei ein historischerBogen gespannt wird, der den Zeitraum von 1550 bis 1910 umfasst unddamit die drei großen Strömungen, Gegenreformation und Absolutismus,Aufklärung und Verbürgerlichung der Gesellschaft umkreist. Zum anderenstellt die Autorin detailreich die komplexe Entwicklung des Bades und derSommerfrische in ihrer oft spannungsreichen Beziehung zu Gesellschaft undHerrschaft und die damit verbundenen differenzierten Lebensformen vor.

Neben den aktuellen kulturwissenschaftlichen Forschungsansätzen, bie-tet die Autorin eine komplexe Begriffsbestimmung des Gegenstandes,macht die Leser mit dem Körperdiskurs und den Gesundheitslehren frühererZeiten vertraut und bietet Lehrreiches rund um die sozioökonomische Struk-tur des alttiroler Bade- und Sommerfrischewesens: eine erfrischende The-menpalette, die durch einen reichhaltigen Quellenfundus gut belegt wird.

Aus der tourismushistorischen Sicht dürften das Kur- und Bäderwesensowie die Sommerfrische wohl als die wichtigsten Vorformen des Tourismusangesehen werden. Menschen begaben sich aus gesundheitlichen Gründenoder auch zum Zwecke des Vergnügens in die Bäder. Wasser zum Baden,zum Trinken, in kaltem oder auch in warmem Zustand, zog seit jeher dieMenschen an und bildet nicht nur in Europa ein weit verbreitetes Phänomenmit langer Tradition.

Im Alpenraum finden sich in den meisten Tälern Heilquellen mit denjeweiligen Bädern; es sind historisch weit zurückreichende Einrichtungen,kulturell dauerhaft verwurzelte Institutionen. So kann man in dem um 1820von August Lewald herausgegebenen Bad- Almanach( Stuttgart, o.J.,S. 479) nachlesen: ,, Im herrlichen Lande Tyrol giebt es auch viele Bäder,wo man auf Mauleseln oder starken Gebirgspferden, unwegsame Pfadehinanklimmen muß, und sich den erhabenen Schrecknissen einer wildenHochalpen- Natur gegenüber sieht. So sah ich die Eisenquelle von Ratzes,in einem schauerlichen Kessel von Dolomit(...), bis hinab zum gastlichen