Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
Seite
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2006, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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MERAKLIS, Michail G.: Eλληviký Aaoypaqía[ Griechische Volkskun-de. Soziale Strukturen, Sitten und Gebräuche, Volkskunst]. Athen, Odysseas,2004, 632 Seiten.

MERAKLIS, Michail G.: Η συνηγορία της λαογραφίας[ Plädoyer fürdie Volkskunde]. Athen, A. Hatzimichali- Stiftung, 2004, 187 Seiten, mehre-re Abb., English summary.

Der emeritierte Volkskunde- Professor der Universität Athen hat sich ent-schlossen, seine dreibändige Einführung in die Griechische Volkskunde( 1984, 1986, 1992) in einem einzigen Band, mit einem einheitlichen Regis-ter versehen, zu publizieren. Damit gewinnt die an sich jüngste Übersichtzur griechischen Volkskunde an Gewicht und Übersichtlichkeit. Der Autorhat die ursprünglichen Texte nicht verändert, auch Quellen und Nachweisewurden nicht ergänzt; denn aufgrund der explosiven Entwicklungen auf demSektor der Erforschung griechischer Volkskultur wäre eine grundlegendeUmstrukturierung unabdingbar gewesen und der Text hätte an Frische sicherverloren. Diese Texte spiegeln ein enormes Quellenspektrum von Homer biszu letzten Bevölkerungs- und Konsumstatistiken wider und zeigen dieArbeitsweise Michail Meraklis, der hinter dem Sammeln und Auswerten,Zusammenstellen, Vergleichen, in der historischen Einordnung und Nach-zeichnung von Entwicklungslinien auch und vor allem die ästhetischeDimension berücksichtigt. Er spricht beileibe nicht nur von Wortproduktenund der Volkskunst, von Riten und Festmanifestationen, sondern etwa auchvon der ,, Poetik der Institutionen( vgl. die Märchenstudien: M. G. Me-raklis, Studien zum griechischen Märchen, Wien 1992, Raabser Märchen-reihe 9, S. 7-11). Mit dem Zusammenstellen aller drei Bände wird nun auchdie einheitliche Konzeption wie die Methode der Darstellung deutlicher, diejeweils vom symptomatischen Einzelfall ausgeht, um dann ein Gesamtbildzu rekonstruieren. Dem Gesamttext sind dabei literarische Qualitäten, nachMaßgabe der philologischen Tätigkeit und Funktion des Autors als führen-dem Literaturkritiker, nicht abzusprechen.

Der fast gleichzeitig erschienene zweite Band ist eine Art Verteidigungs-schrift für die Volkskunde, die in Griechenland wie überall mit der transat-lantisch eingeführten ,, home- anthropology oder, European anthropology"zu kämpfen hat und an diese bereits mehrere Universitäts- Lehrstühle ver-loren hat. Die griechische Situation ist allerdings insofern unsymptomatisch,als sich hier ab den 60er Jahren eine Art Eldorado der anthropologischenForschung aller Richtungen mit Dutzenden von case studies und Hundertenvon Artikeln entwickelt hat, nach Maßgabe der Tatsache, dass Griechenlanddas einzige orthodoxe und türkenzeitlich geprägte Land der westlichenAllianz gewesen ist und daher Forschungen leichter zugänglich war als