Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LX/ 109

geht. Dessen lebenslang vertretene Ansicht, dass die allzu bequeme und oftmechanisch vorgenommene Scheidung in Form und Inhalt eines Werksletzten Endes unhaltbar sei, weil beide Bereiche stets als Ausdruck und Teileines übergeordneten kulturellen Ganzen( des Kunstwollens) verstandenwerden müssen, und Inhaltsfragen infolgedessen immer auch über den Wegder Form zu beantworten seien, da sich der Inhalt einer Epoche zwingendin der künstlerischen Form, also in ihrem Stil niederschlägt- dieses Credowurde sowohl für Pächt wie auch für Sedlmayr zur Basis ihres eigenenSchaffens.

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Der Terminus Kunstwollen, der jahrzehntelang im Zentrum fast allerDiskussionen über Riegl stand u.a. auch deshalb, weil man darin PierreBourdieus Habitus- Begriff antizipiert sah-, wurde am Wiener Symposionnur am Rande thematisiert. Einzig Andrea Reichenberger( Konstanz) nahmden Faden auf und übersetzte das Kunstwollen mit dem Begriff der Weltan-schauung. Reichenbergers Vorschlag war nicht neu: Er datiert aus den1920er Jahren und geht auf Karl Mannheim zurück. Anders jedoch alsMannheim band die Vortragende Riegls Überlegungen stärker an einen ganzbestimmten akademischen Diskurs des späten 19. Jahrhunderts( ,, Ignorabis-mus- Streit"), der von einem allgemein gültigen Kausalitätsgesetz handelteund dessen Wortführer der Berliner Physiologe Emil Du Bois- Reymond war.Reichenbergers Hinweis auf Riegls Kenntnisse zeitgenössischer Wahrneh-mungstheorien machte verständlich, warum in seinen Schriften Überle-gungen zur Apperzeption und zur psychischen Disposition der Aufmerksam-keit einen derart breiten Raum einnehmen.

Was am Wiener Symposion besonders deutlich wurde, ist die Notwendig-keit, Riegl stärker als bisher zu kontextualisieren. Erst vor dem Hintergrundeiner genaueren Kenntnis seines wissenschaftlichen Umfeldes lässt sichermessen, wie breit gefächert Riegls Denken war und wie sehr er sichbemühte, Erkenntnisse aus anderen Disziplinen auf sein eigenes Fach anzu-wenden. Michael Gubser( James Madison University, Virginia) veranschau-lichte dies anhand von Riegls Verwendung des Begriffes Rhythmus. DieserTerminus, mit dem sich schon der HI. Augustinus befasste, fand um 1900nicht nur im Bereich der Musik Verwendung, sondern auch in der Literatur-und Kunstwissenschaft. Riegl beschrieb den Rhythmus als eine Art Gestal-tungskraft, die den Arbeitsprozess strukturiert und insofern den Aspekt derZeit mit einschließt. Wie in der Diskussion im Anschluss an Gubsers Beitragzu erfahren war, ist die Verbindung von Gestaltung und Rhythmus auch fürdie Volkskunde von Bedeutung. Einer der wichtigsten Impulsgeber fürRiegl, der Ökonom Karl Bücher, verfasste ab 1897 mehrere Studien zujenem Thema. Dabei stellte Bücher deutliche Bezüge zur( Volks-) Kunst herund verwies wiederholt auf Arbeitsgesänge, Tanz oder die Tätigkeit des