Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
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2006, Heft 1

Chronik der Volkskunde

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Hindernisse zu sprechen, vor die sich Riegl gestellt sah, als er- ein Mitar-beiter des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie- gemeinsammit Michael Haberlandt für die Gründung des Museums für österreichischeVolkskunde eintrat. Die daran anschließende Frage, ob Riegl wie vielfachbehauptet als Begründer der heimischen Volkskunstforschung anzusprechensei, wurde von Johler positiv beantwortet.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Riegl- Forschung, dass trotzeiner Fülle an Neupublikationen die Person selbst bis heute kaum greifbarist. Biographische Angaben fehlen tatsächlich fast gänzlich: weltweit exi-stiert nur ein einziges Photo des Gelehrten, über seine Lebensverhältnisseweiß man so gut wie nichts, und selbst über sein Sterbedatum herrschtUneinigkeit. Einige dieser Lücken zu schließen nahm sich Diana Reynolds( Point Loma Nazarene University, San Diego) vor, indem sie eingehendRiegls Wirken am Museum für Kunst und Industrie beleuchtete. Mit Hinweisauf bislang unpubliziertes Material skizzierte sie das Bild einer etwaseigensinnigen Forscherpersönlichkeit, die angesichts der bedrückend engenVerzahnung von Kunst und Politik( das Österreichische Museum für Kunstund Industrie, an dem Riegl immerhin zwölf Jahre tätig war, galt am Endedes Jahrhunderts vielfach als Sprachrohr und ausführendes Organ der Kul-turpolitik Cisleithaniens) ein wachsendes Unbehagen verspürte. Mehrfachging Riegl auf Konfrontationskurs mit seinen Vorgesetzten, wiederholtkritisierte er die Museumsleitung, und ganz offensichtlich strebte er nachJacob von Falkes Pensionierung 1895 den Direktorsposten an. Als dieserPlan misslang und Riegl daraufhin an die Universität wechselte, klagte erseinem Kollegen Max Dvořák sein Leid und meinte, er ,, habe[ nun] keinenBeruf mehr.

Von Hans Tietze- nach Riegl einer der raren Vertreter der Wiener Schuleder Kunstgeschichte, die sich ernsthaft mit Volkskunst auseinander setzten-ist die Bemerkung überliefert, dass Riegls ,, Saat erst spät aufgegangen ist;noch heute ist von ihrer Fülle nicht alles eingebracht." Diese 1935 getätigteAussage galt sowohl in inhaltlicher wie auch in methodischer Hinsicht.Tatsächlich dauerte es fast drei Jahrzehnte, ehe Riegls Lehre auf fruchtbarenBoden fiel. Wie Jaś Elsner( University of Oxford) ausführte, war es beson-ders die jüngere Schule der Wiener Kunstgeschichte( namentlich HansSedlmayr, Guido Kaschnitz von Weinberg und Otto Pächt), deren Entwurfeiner so genannten kunsthistorischen Strukturforschung auf Riegl zurück-

4 Dvořák, Max: Gesammelte Aufsätze zur Kunstgeschichte. München 1929,S. 289.

5 Zit. nach: Bacher, Ernst( Hg.): Kunstwerk oder Denkmal? Alois Riegls Schriftenzur Denkmalpflege. Wien/ Köln/ Weimar 1995, S. 19.