Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LX/ 109

Inwieweit solche Zuschreibungen tatsächlich gültig sind oder sich bloẞkurzlebigen akademischen Moden verdanken, war eine der zentralen Frage-stellungen des Symposions; des weiteren suchten die 14 Vortragenden aussechs Ländern zu klären, woher Riegl seine Anregungen bezog, bzw. inwelchem Ausmaß seine Lehre im geistigen Umfeld der Wiener Modernewurzelt; ob seine Theorien, besonders jene zur Denkmalpflege, auch auf dieGegenwart anwendbar sind; und schließlich, ganz allgemein, ob die Lektüreseiner Schriften heute noch Sinn macht, oder ob es sich dabei lediglich umeinen Akt respektvoller Ahnenpflege handelt.

Die Konferenz war in drei Sektionen gegliedert( Riegl im wissenschaft-lichen Diskurs seiner Zeit; Riegl und die wissenschaftliche Praxis derDenkmalpflege; Zur Aktualität Riegls) und wurde mit einem Festvortrag vonWerner Hofmann, dem langjährigen Direktor der Hamburger Kunsthalle,eröffnet. Schon der Titel seiner Ausführungen( ,, Riegl, der Emanzipator")deutete die Richtung an, in die sich die gesamte Tagung bewegen sollte. Esging von Anfang an darum, Riegl als Wegbereiter eines modernen Kunst-verständnisses zu fassen, d.h. als Denker, der das Disparate und Gegenläu-fige, das Unakademische und oft ,, Hässliche" als eigenwertige künstlerischeKategorie begriff. Was Hofmann an anderer Stelle einst über Riegls Kolle-gen Julius von Schlosser formuliert hat dass Schlosser für einen dezidiert,, offenen Kunstbegriff" stehe und als Fürsprecher des Unklassischen undder ,, Stilmischung" ³ fungiere-, lässt sich mit noch größerer Berechtigungvon Riegl selbst behaupten. Die Vehemenz, mit der sich dieser für Bereicheeinsetzte, die von der Kollegenschaft zumeist ignoriert wurden, zeugt voneinem außergewöhnlich weit gefassten, explizit pluralistischen Kunstbe-griff, der alle Hervorbringung des menschlichen Kunstschaffens mit ein-schließt.

Besonders klar zeigt sich das an seinem Zugang zur Volkskunst. Deutli-cher als andere Kulturforscher seiner Generation sah Riegl die Notwendig-keit, jenen um 1900 überaus populären Bereich terminologisch in den Griffzu bekommen und wissenschaftlich zu erforschen. Diesen Schritt setzte er1894 mit seiner Schrift Volkskunst, Hausfleiß und Hausindustrie, in der erdie volkskundlichen Produkte gleichsam in den Kanon der Kunstwissen-schaften überführte und die bis dahin bestehenden Schranken zwischen,, Hochkunst" und populärer Kunst zu überwinden ansetzte. Dass ein solchesUnterfangen mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war und sich Riegldamit in Wien nicht nur Freunde machte, ist wenig verwunderlich. ReinhardJohler( Universität Tübingen) kam in seinem Beitrag denn auch auf die

3 Hofmann, Werner: Was bleibt von der Wiener Schule. In: Jahrbuch des Zentral-instituts für Kunstgeschichte, Bd. II[ 1986], S. 283 ff.