Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
Seite
71
Einzelbild herunterladen
 

Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LX/ 109, Wien 2006, 71-83

Chronik der Volkskunde

Alois Riegl 1905/2005

Symposion, Wien, 20. bis 22. Oktober 2005

Aus Anlass des 100. Todestages des Wiener Kunsthistorikers Alois Rieglveranstaltete die Österreichische Akademie der Wissenschaften in Koope-ration mit dem MAK Österreichisches Museum für Angewandte Kunst/Gegenwartskunst, der Universität Wien sowie dem Bundesdenkmalamt eininternational besetztes Symposion, das vom 20. bis 22. Oktober 2005 imFestsaal des MAK stattfand.

Ziel der Veranstaltung war es, über Werk und Wirken jenes ForschersAuskunft zu geben, der wohl wie kein anderer Österreicher dazu beigetragenhat, die Kunstgeschichte als wissenschaftliches Fach zu etablieren. Tatsäch-lich nimmt Alois Riegl( 1858-1905) innerhalb der Wiener Schule derKunstgeschichte, deren 150- jähriges Bestehen 2002 gefeiert wurde,' denwohl prominentesten Rang ein. Als unkonventioneller Denker, der sichgegenüber den heterogenen wissenschaftlichen und kulturellen Entwick-lungen des Wiener Fin de Siècle stets aufgeschlossen zeigte, gelang es ihm,mit nur wenigen Monographien( Stilfragen, 1893; Volkskunst, Hausfleiß undHausindustrie, 1894; Spätrömische Kunstindustrie, 1901; Das Holländi-sche Gruppenporträt, 1902) seinem Fach grundlegend neue Impulse zugeben. Mit der Hinwendung zu einst so genannten Verfallsepochen( Spätan-tike; Barock) und zu vormals als peripher erachteten Bereichen des Kunst-schaffens( europäische Volkskunst; koptische Textilien) vollzog er nichtallein den Bruch mit der normativen Ästhetik, sondern trug auch entschei-dend zu einer akademischen Horizonterweiterung bei, die ihn rückblickendals Theoretiker der Moderne ausweist. Nicht zuletzt diesem Umstand ist eszu verdanken, dass dem Wiener Gelehrten seit rund 20 Jahren eine wach-sende internationale Aufmerksamkeit zuteil wird. Besonders im angloame-rikanischen Wissenschaftsbereich gilt Riegl mittlerweile als Ahnherr dereuropäischen Kulturwissenschaften eine Charakterisierung, die denKunstphilosophen Arthur C. Danto dazu veranlasste, von einer inzwischenweltweit etablierten ,, Riegl- industry" zu sprechen.²

-

1 Schwarz, Viktor Michael( Hg.): Wiener Schule. Erinnerung und Perspektiven.(=Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, Bd. 53[ 2004]). Wien 2005.

2 Danto, Artur C.: Riegl bearing. In: Artforum International, Sept. 2000, S. 22.