2006, Heft 1
Mitteilung
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und es folgt die Wiedererkennung. Die Tradierung dieser durchaus spannendund humorvoll gestalteten Szene in der oralen Überlieferung der Großinselbis zu Beginn des 20. Jahrhunderts( für die Tradierungskapazität der münd-lichen Überlieferung auf Kreta aufgrund der spezifischen historischen Si-tuation über mehrere Jahrhunderte gibt es auch andere eklatante Beispiele) 28ist dadurch zu erklären, dass die Komödienverse die entsprechende Erken-nungsszene im Märchen überlagert haben und mit der Erzählung mittradiertwurden. Dass es gerade diese Gerichtsszene war, die von der verlorenenKomödie überliefert wurde, dürfte mit der Existenz dieser beliebten impro-visierten Karnevalsgerichte zusammenhängen, die nach dem Ende der Ve-nezianischen Herrschaft 1669 während der Türkenzeit nicht mehr aufge-führt werden konnten; die entsprechende Komödienszene hat in vielenkretischen Märchenvarianten das erzählte Märchenende substituiert.29
Gerichtsszenen und Gerichtsparodien finden sich auch in dem ,, Homili-en"-Volkstheater während der Karnevalszeit auf Zante( nachgewiesen seitder Mitte des 19. Jahrhunderts), so in ,, Chrysavgi“ oder im„, Krinos", dieEinflussspuren der Spätrenaissance- Tragödie ,, Erophile“ von GeorgiosChortatsis( um 1600) bzw. des barocken Versromans ,, Erotokritos" aufwei-sen. 30 In dieser Hinsicht kann das Gerichtsspiel von 1666 als ein Vorläuferdieses ,, Homilien“-Theaters angesehen werden, kombiniert mit dem un-rühmlichen Ende des Zwi als ritueller Zerstörung der Judaspuppe der Oster-zeit. Andere Elemente dieser Vorstellung sind in anderen Karnevalsschau-spielen der Zeit zu finden. So etwa war die triumphale Ankunft der ,, Ritter"im Hafen mit einem Schiff in den inszenierten Szenen der„, giostra“ vonChania( Canea) 1594 zu sehen, ³¹ das aktive Mitspielen der Zuschauer als,, Menge“, ist manchen Szenen des Zypriotischen Passionszyklus( vor 1320)
28 Puchner, W.: Die kretische Ballade der ,, Erophile". In: Studien zum griechischenVolkslied. Wien 1996(= Raabser Märchen- Reihe 10), S. 49-64, bes. S. 51 f.29 Ausführlich in Manusakas, M. I., W. Puchner: Die vergessene Braut. Bruchstückeeiner unbekannten kretischen Komödie des 17. Jahrhunderts in den griechischenMärchenvarianten vom Typ AaTh 313c. Wien 1984(= Österreichische Akademieder Wissenschaften, phil.- hist. Klasse, Sitzungsberichte 436).
30 Puchner, W.: Kretische Renaissance- und Barockdramatik in Volksaufführungenauf den Sieben Inseln. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde XXX/ 79( 1976), S. 232-242.
31 Luciani, Cr.: Gian Carlo Persio. La nobilissima barriera della Canea: Poemacretese del 1594. Venezia 1994; ders.: La cultura del torneo a Creta tra storicitàe funzione letteraria. In: Egea, J.-M., J. Alonso( Hg.): Prosa y verso en griegomedieval. Rapports of the International Congress ,, Neograeca Medii Aevi III"Vitoria 1994. Amsterdam 1996, S. 219–225; Bancroft- Marcus, R.: Interludes. In:Holton, D.( ed.): Literature and society in Renaissance Crete. Cambridge UP1991, S. 159-178, bes. S. 160 f.