50
Barbara Baert
ÖZV LX/ 109
Es werden also neue Aspekte und Funktionen des Verena- Glaubenssichtbar. Die virgo- virago aus der konventionellen martyrologia ent-wickelt sich auf Basis einer kultischen Praxis und deren Stimulierungdurch Fürstenhäuser zu einer„, Kindsbringerin“. Diese Facette ihrerpersona hat keinerlei Verbindung mehr zu der Tradition der beidenvitae, wo sie eher als eine Klausnerin beschrieben wird, die dennochHeil und Genesung für die Gemeinschaft bringt. Die Umsetzungdieses ursprünglichen Bildes zu dem einer Vermittlerin für Kinderse-gen hängt vielleicht mit der ursprünglichen Bedeutung der von Verenaeingenommenen, bereits früher bestehenden Kultorte zusammen.Was sich mit größerer Sicherheit annehmen lässt, ist die Intensivie-rung dieser Praxis ab dem und durch das ottonische Geschlecht.Nachkommen sind für den Fortbestand eines Fürstengeschlechts na-türlich von äußerster Wichtigkeit, und Verenas Rolle muss auch indieser Hinsicht interpretiert werden. Sie wurde zur Heiligen für denFortbestand der adligen Genealogie, mehr noch, sie half beim Beginndes ottonischen Hauses. Aber Reginlinde gebar eine Tochter, damitgeht die Erblinie auf eine weibliche Person über. Kann man die Rolleder Verena als eine Art göttlicher Rechtfertigung für den weiblichenNachkommen sehen, dem durch die Allegorie mit der BefruchtungMarias usw. ein höherer Stellenwert eingeräumt wird?
Reginlindes Traum aus dem Mirakelbuch enthält daneben auchMotive, die auf die Annunziation verweisen. Die Taube, die sich imBauch der Herzogin einnistet, verweist auch auf die Taube bei derEmpfängnis Marias. Hier wird also ebenfalls eine göttliche Vermitt-lung durch den Heiligen Geist suggeriert. Doch geht es dabei nicht umdie Empfängnis selbst: Nach dem Mirakelbuch geschieht die Befruch-tung nicht während des Traumes selbst. Dennoch wird hier die Genea-logie des adligen Geschlechts an der Heilsgeschichte gespiegelt, werdenVerbindungen und Gleichnisse auf diese Weise suggeriert. Und geradediese Analogie wurde durch die heilige Verena vermittelt.
Kehren wir nun zurück zu dem habsburgischen Fensterglas, so läßtsich hier die ikonographische Umsetzung dieses Parallelismus fest-stellen. Der Blick der Verena kreuzt den der stehenden Hebamme, dieein weißes Tuch bereithält. Verena ist hier also eng in das Geschehenmiteinbezogen. Kamm und Wasserkrug lassen sich übrigens auch alsGegenstände deuten, die zur Versorgung von Mutter und Kind bereit-gehalten wurden. In dieser Szene trägt Verena zum Mysterium derweiblichen Genealogie des Christentums bei. Sie wird deutlich in die