4
Nikola Langreiter
Worüber schreiben Schistars
ÖZV LX/ 109
Lebensläufe sind nur über die ,, Fiktion biographischer Repräsentati-on als Wirklichkeit zugänglich“, denn sie bestehen aus einer unend-lichen Zahl von Ereignissen, Erfahrungen, Empfindungen und sindin ihrer Gesamtheit nicht darstellbar, ja nicht einmal bewusst erlebbar.Eine biografische Identität wird aufgebaut- um ein Leben darzustel-len, wird schematisiert, Vergangenes selektiv vergegenwärtigt unddann werden diese Elemente für einen spezifischen Kontext zusam-mengesetzt. Gängige Diskurse dienen dabei als Dispositive: ,, Wor-über kann ich sprechen, denn worüber wird gesprochen?[...] Worübersollte ich schweigen, denn worüber schweigt man?" 10 Biografienkommen also im sozialen Raum zustande; lebensgeschichtliche Texteübersetzen von dominanten Diskursen/ dem, Gerede', was ihnen rele-vant erscheint, in die jeweilige Lebenswelt- Ethisches, Politisches,Wissenschaftliches, Religiöses usw.11
Lebenskonstruktionen, wie sie eine Autobiografie wiederspiegelt,können als Regelgerüst eines Lebens verstanden werden. Meist sinddiese Konzepte in sich schlüssig und kohärent im Stil, sie enthaltenpraktisches Wissen und sogenanntes tacit knowledge, 12 selbstver-ständliches und vorausgesetztes Wissen, das unerwähnt bleibt.
Franz Klammer erzählt Ein Leben wie ein Roman. Er geht chrono-logisch vor, beginnt beim Großvater mütterlicherseits und kommtbald zu seinen Anfängen als Schisportler, ¹³ führt weiter durch dieHöhen und Tiefen seiner Zeit als Aktiver und seine berufliche Lauf-bahn danach. Dazwischen finden sich Abschnitte zu Franz Klammerprivat über die Hobbys Autofahren und Golf, die Liebe, über denSchiunfall, der seinen Bruder in den Rollstuhl brachte, mehrereSequenzen zur Familie, zu wechselnden Wohnorten oder Reisen. DasInhaltsverzeichnis enthält Kapitel wie: Die Kindheit am Berg, DerJahrhundertwinter, Das Beben am Patscherkofel, Eva, Die schlech-
9 Hahn: Konstruktionen( wie Anm. 4), S. 101.
10 Sieder, Reinhard: Einleitung. In: Ders.( Hg.) Brüchiges Leben. Biographien insozialen Systemen(= Kultur als Praxis, 1). Wien 1999, S. 7-13, hier S. 12.11 Vgl. Sieder, Reinhard: Gesellschaft und Person: Geschichte und Biographie.Nachschrift. In: Ders.: Leben( wie Anm. 3), S. 234-265, hier S. 245.
12 Vgl. Polanyi, Michael: Implizites Wissen. Frankfurt am Main 1985( Orig. 1966).13 Von diesem zweiten Kapitel an wird in Ichform erzählt; hin und wieder kommenBeteiligte zu Wort- zwei Mentoren des jungen Franz Klammer, seine Ehefrau,sein Bruder, daneben finden sich längere Passagen aus Büchern über Klammer.