Jens Wietschorke, Die restaurierte Ruine.
>> Die Ruine«<, schreibt Susanne Hauser,»> ist untrennbar mit Ästhetikund künstlerischer Artikulation verbunden. Denn erst wenn Dinge, Bau-ten, Artefakte aller Art verfallen und ihr> natürlicher Verfall ästhetisiertwird, entsteht die Ruine«.5 Im Fall der künstlichen Ruine verhalten sichdie Dinge etwas anders. Sie ist von vornherein ästhetisches Produkt undkünstlerische Artikulation; hier wird kein» natürlicher Verfall«< ästhe-tisiert, sondern der Verfall wird inszeniert und wird so zum bewusstgesetzten Geschichtszeichen. Mit dem Hinweis auf Reichtum undUntergang der römischen Kunst und Zivilisation wird die Habsburger-monarchie mit ihrem quasi erblichen Anspruch auf die römisch- deutscheKaiserkrone als natürliche Nachfolgerin positioniert; zugleich steckt imruinösen Zustand der römischen Szenerie aber auch ein Überlegenheits-gestus der gegenwärtigen Monarchie. In diesem Sinne ist die RömischeRuine im landschaftlichen Kontext der kaiserlichen Sommerresidenz alsklassisches Herrschaftszeichen zu lesen: Wer die Ruinen eines vergange-nen Reiches vorführen und dieses weit in die Vergangenheit verweisenkann, demonstriert die eigene Deutungs- und Handlungsmacht als poli-tischer big player der Gegenwart.
Mittels dieser historisierenden Gestik verweist die SchönbrunnerRuine bereits in sich auf multiple Temporalitäten: zum einen auf dierömische Herrschaftsarchitektur, zum anderen aber auf die vergehendeund vergangene Zeit, welche eben diese römische Architektur dem Ver-fall preisgegeben hat. Beides ist hier natürlich ein» Fake«<, aber ebendamit thematisiert sie- ganz im Sinne der damals entstehenden roman-tischen Ästhetik- Geschichte: als Erinnerung und Memento, aber auchals Bild der Absichtslosigkeit. Denn kunstvoll inszeniert das Bauwerk dieWiedereroberung des Terrains durch die Natur bzw. Vegetation, so dassdie Ruine nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch Naturund Kunst in ein dialektisches Verhältnis zueinander setzt. Nicht ohneGrund hat Walter Benjamin das Motiv der Ruine in seinem» Ursprungdes deutschen Trauerspiels«< ausführlich behandelt, ebenso Adorno in
5 Hauser 2001( wie Anm. 1), S. 181.
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Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. In: Ders.: GesammelteSchriften. Hg. v. Rolf Tiedemann, Hermann Schweppenhäuser. Bd. I.I. Frankfurt a.M. 1991, S. 203-430, S. 353-358.
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