Aufsatz in einer Zeitschrift 
Die restaurierte Ruine : ein paradoxales Denkbild zur Pluralität des Historischen
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Die restaurierte Ruine.

Ein paradoxales Denkbild zurPluralität des Historischen

Jens Wietschorke

>> Es gibt eine Sache, die ist schöner als eine schöne Sache.Das ist die Ruine einer schönen Sache<<. 1

Über Jahrzehnte hinweg war die bis 1780 erbaute» Ruine von Kar-thago« im Schönbrunner Schlosspark in Wien vom Einsturz bedroht,seit 2003 ist die Restaurierung abgeschlossen und die Ruine erstrahltwieder im alten Glanz.² Vielleicht muss man diese Feststellung zweimallesen, bis sie sich in ihrer ganzen verqueren Logik zeigt. Erstens: Eine1780 erbaute Ruine ist das nicht ein innerer Widerspruch, insoferndie Ruine per definitionem nicht den Neuzustand, sondern gerade denVerfallszustand eines Bauwerks bezeichnet? Zweitens: Eine Ruine, dievom Einsturz bedroht ist liegt darin nicht ein glatter Pleonasmus, eineVerdoppelung des Wortsinns? Und drittens: Das Erstrahlen im>> altenGlanz<< ist hier der alte Glanz der Römerzeit gemeint, der im roman-tischen Arrangement des ausgehenden 18. Jahrhunderts heraufbeschwo-ren werden sollte? Meint das den Glanz des 18. Jahrhunderts selbst, alsdie Schönbrunner Schlossanlage mit ihren Gebäuden und Gärten nochneu war? Oder meint das einfach nur den Zustand vor dem Verfall, indem man das Gartenaccessoire noch in den 1980er- und 1990er- Jahren

1 Dieser Satz stammt von dem französischen Maler Pierre Cécile Puvis de Chavannes( 1824-1898), zit. nach: Susanne Hauser: Metamorphosen des Abfalls. Konzepte füralte Industrieareale. Frankfurt a. M., New York 2001, S. 181.

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Zur Geschichte der Römischen Ruine und ihrer Restaurierung vgl. FriedrichDahm( Hg.): Die Römische Ruine im Schloßpark von Schönbrunn. Forschungen-Instandsetzung- Restaurierung. Wien 2003; Eva- Maria Höhle: Zur Restaurierungder Römischen Ruine in Schönbrunn. In: Österreichische Ingenieur- und Architek-ten- Zeitschrift, 142, 7/8, 1997, S. 586-589; Beatrix Hajós: Ein neues Rom in Wien.Schönbrunner Statuen 1773 bis 1780. Wien, Köln, Weimar 2004, S. 154-159.