188 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXX/ 119, 2016, Heft 3+ 4
Praktiken im Museum und in der Stadt, auf Alltage und Lebenswelten,zum anderen auf die soziale Funktion des Ortes und damit auf die Rolledes Museums im gesellschaftlichen Gefüge.
1 Die nachhaltigen 1930er- Jahre
Die 1930er Jahre( bis 1938) wurden bislang zu wenig in ihrer produkti-ven Dynamik und in ihren Wirkungen in Bezug auf das ÖMV berück-sichtigt. Dies ist bemerkenswert, entstand doch am Haus zu jener Zeitum die Leitbegriffe» Heimat« und» Volkstum« ein Kräftefeld aus Per-sonen, Netzwerken, Strukturen, Objekten, aus wissenschaftlichen wiekulturellen Formaten, das später, in der NS- Zeit und in den ersten Nach-kriegsjahren, in Variationen abgerufen und mobilisiert wurde. Geradedieses Kräftefeld gibt Aufschluss über die vielfältigen Wechselwirkun-gen zwischen dem Volkskundemuseum, den volkskundlich- volkskul-turellen Akteur_innen und der Stadt Wien. In diesem Zusammenhangsind die seit dem Ende des Ersten Weltkrieges und in den ersten Jahrender jungen Republik als beinahe staatsnotwendig erachteten» Heimat«-und Identitätsentwürfe auf nationaler und lokaler Ebene von Bedeu-tung. Für die Groß- und Hauptstadt Wien ist zu betonen, dass bereitsdie umfassenden Kulturalisierungsbestrebungen des» Roten Wien« auf» Bodenständigkeit« setzten und» Heimat« als Alltagserfahrung undBeziehungsbegriff zu fassen suchten. Die in dieser Zeit neu geschaffeneFestkultur bediente sich wie selbstverständlich volkskultureller Elemente( v.a. Volkslieder und Volkstanz) und integrierte sie in die neuen Massen-formate der jungen Republik und ihrer Hauptstadt.
Hier sei an die» Arbeiter- Trachtler« erinnert, die eine besondereRolle innerhalb der sozialistischen Partei einnahmen. Die Arbeiter-Trachtler, wie sie sich selbst und auch ihr Publikationsorgan nannten,hatten sich 1922 in Abgrenzung zu den konservativen und völkischenTraditions-, Trachten- und Schuhplattler-( später Volkstanz-) Vereinenzu einem eigenen sozialistisch- sozialdemokratisch- proletarischen» Bundder Arbeiter- GTE.- und Schuhplattlervereine Österreichs«" zusammen-
11 GTE= Gebirgstrachtenerhaltung; K.L.: Ein Jahr! In: Der Arbeiter- Trachtler, 1, 5,1923, S. 1. Vgl. dazu: Magdalena Puchberger: Urbane Heimatkultur als ideologischeund soziale Schnittstelle in der Ersten österreichischen Republik. In: Österreichi-sche Zeitschrift für Volkskunde, 66, 115, 2012, S. 293-324.