Jahrgang 
119 (2016) / N.S. 70
Seite
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Literatur der Volkskunde

Geoff Stahl( Hg.): Poor But Sexy. Reflections on Berlin ScenesBern u.a.: Peter Lang Verlag 2014, 225 Seiten

Der kanadische Kommunikationswissenschaftler Geoff Stahl hat mit>> Poor But Sexy<< einen herausragenden Sammelband zum Themenkom-plex urbane Szenen vorgelegt. Am Beispiel Berlin nähern sich Fallstu-dien zu Russendisko, Queer- Clubbing, Berliner Underground Parties,Design Professionals, der Rolle neuer Technologien und virtueller Netz-werke, alternativen FilmemacherInnen, Techno- und Rave- Events oderdem CTM Festival dem Szenekonzept; die AutorInnen kommen ausder Kulturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft,Soziologie, Stadtforschung oder den Popular Music Studies.

Das Szenekonzept, das hier im Mittelpunkt steht, wurde vor allemzur Abgrenzung von Subkulturen im Popdiskurs genutzt und soll Verän-derungen in der Gegenwart deutlich machen. Das besondere an Poor ButSexy ist die kritische Perspektive auf Szenen in Berlin, welche der Her-ausgeber und die meisten AutorInnen einnehmen. Diese ist bei den jün-geren Veröffentlichungen, welche Kunstschaffen und Pop- Kultur in Ber-lin journalistisch oder akademisch in den Blick nehmen, selten der Fall,was zu einer ambivalenten Stilisierung und Positionierung Berlins seitdem Fall der Mauer geführt hat. Dass einige der AutorInnen nur tem-porär in Berlin gelebt haben, tut dem Buch gut, da es der> Betriebsblind-heit entgegenwirkt und hier zum Hinterfragen von Alltäglichem führt.So war etwa Stahl selbst zunächst für ein Fellowship von 2003bis 2005in Berlin und weitere Aufenthalte zwischen 2012 und 2014 ermöglichtenihm einen langjährigen Überblick zu den dortigen Entwicklungen.

Die Einleitung des Herausgebers weist bereits die diskursive Rich-tung, in welcher der Band argumentiert. Auch wenn Definitionen vonSzenen vage und problematisch bleiben wie die Gemeinschaften selber,bringen situative Beschreibungen die LeserInnen dafür nahe an denGegenstand und ermöglichen so eine differenzierte Betrachtung urbanerVerhältnisse, weshalb das Szenekonzept für Stahl nutzbringend bleibt:>> The scene[...] is more than just a subculture, another urban social Form,for its borders are much more porous and its social makeup not markedby the kind of uniforms usually associated with subcultures«.( S. 15)Szenen sind virulente soziale Formen der Gegenwart, wo einiges geheim,aber wenig>> sub<< ist.

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