150 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXX/ 119, 2016, Heft 1+ 2
Ingo Schneider, Martin Sexl( Hg.): Das Unbehagen an der KulturHamburg: Argument Verlag 2015. 270 Seiten
Im September 2014 wurde an der Leopold- Franzens- Universität in Inns-bruck»> in einem kleinen Kreis renommierter Kolleg* innen«<( S. 16) überden Kulturbegriff diskutiert und ein allgemeines» Unbehagen an derKultur« artikuliert. Um dieses groß dimensionierte Thema zu verhan-deln, haben der Kulturwissenschaftler Ingo Schneider und der Kompa-ratist Martin Sexl eine wahrhaft illustre Runde versammelt: Neben denSozialanthropologen Ulf Hannerz und Chris Hann sowie den Literatur-wissenschaftlern Terry Eagleton, Peter V. Zima und Jürgen Wertheimerwaren auch die Berliner Professorin für» Diversity Studies«< Iman Attia,der Philosoph Wolfgang Fritz Haug und John Storey als Protagonistder britischen Cultural Studies nach Innsbruck eingeladen worden. DieEuropäische Ethnologie war, abgesehen von dem Mitorganisator derTagung Ingo Schneider, durch Wolfgang Kaschuba vertreten.
Das aus den Innsbrucker Redebeiträgen hervorgegangene und imHamburger Argument Verlag erschienene Buch im Ganzen zu bespre-chen, ist alles andere als einfach. Zu unterschiedlich sind die disziplinärenund theoretischen Ausgangspunkte der einzelnen Beiträge, zu disparatdie vorgetragenen Kritikpunkte am Kulturbegriff und die Ideen zu sei-ner weiteren Konzeptionalisierung. Es empfiehlt sich daher zunächsteinmal, die den Band einleitenden sowie abschließenden Überlegungender beiden Bandherausgeber zu sichten, um die Konzeption der Tagungzu verstehen. Unter dem Titel» Kultur 5.0«< konstatieren Schneider undSexl zu Beginn einen» bis heute ungebremsten Aufstieg«( S. 7) des Kul-turbegriffs in divergierenden konzeptionellen Fassungen. Dabei wer-den zwei Punkte als sehr problematisch angesprochen: Zum einen habeder Kulturbegriff zunehmend das soziale Vokabular von» Gesellschaft«<,>> Klasse« oder» Milieu« verdrängt und damit Prozesse der» Kulturali-sierung des Sozialen unterstützt, wie sie Wolfgang Kaschuba bereits1995 thematisiert hat.' Zum anderen vermerken die beiden Autoren ein>> Auseinanderdriften der Begriffsverwendungen inner- und außerhalbder Wissenschaften«<( S. 8). Während» Kultur« in den Geistes- und Sozi-
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Vgl. Wolfgang Kaschuba: Kulturalismus. Vom Verschwinden des Sozialen imgesellschaftlichen Diskurs. In: Zeitschrift für Volkskunde 91, 1995, S. 27–46.