Aufsatz in einer Zeitschrift 
Sammlung verpflichtet : wie das Wiener Museum für Angewandte Kunst 1993 sein Depot neu zur Geltung brachte
Einzelbild herunterladen
 
  

Thomas Thiemeyer, Sammlung verpflichtet

und Bauhaus später» die gute Form« heißen sollte, kündigte sich in derangelsächsischen Arts- and- Crafts- Bewegung ebenso an wie in den volks-und gewerbepädagogischen Vorbildersammlungen und ihrem Versuch,gelungene Kunstgegenstände zu kanonisieren. 1852 präsentierte etwa dasLondoner Museum of Manufactures 84 Objekte schlechter Kunst in einer>> Schreckenskammer«.24 Bei Jakob von Falke paarte sich diese erziehe-rische Attitude mit einem Verständnis von Geschmack und Schönheitals etwas Rationalem, von der Vernunft Gestiftetem:» In diesem Sinnehat schon Hegel den Geschmack als den gebildeten Schönheitssinn defi-nirt, er ist der Takt, sei er nun ein mehr angeborner oder durch Uebungund vergleichendes Studium ausgebildeter, sofort und überall sofort dasSchöne zu treffen«, schrieb er 1860 und fuhr fort,» daß auch im Reichdes Geschmacks Gesetz und Ordnung, das heißt die Vernunft herrscht,wenn wir sie auch noch nicht erkannt haben«<, 25

Diese Idee einer rationalen,» vernünftigen Ästhetik«( von Falke),die sich mit naturwissenschaftlichen Methoden berechnen und definie-ren lässt, wurde in der Zeit zwischen 1885 und 1895, in der von Falkedas Wiener Museum leitete, dominant. Von Falke war ein Strukturalistavant la lettre, überzeugt, dass die gute Form nicht primär am genialenEinfall des Meisters oder Gestalters hänge, sondern auf tiefer liegenden,untergründig wirkenden Strukturen fuße. Beim Kunstgewerbe warendas neben der Funktion des Objekts die Affordanzen des Materials unddie Technik, es zu bearbeiten.» Der Zweck also ist es, der zuerst dieForm schafft, die allgemeine Form, die Form der Gattung.« Innerhalbdieser Grundform kommen dann weitere» Momente der Gestaltung<<zum Tragen, die die Grundform differenzieren: Material, Technik undder» Wille des Künstlers«<. Ihr Verhältnis hierarchisiert von Falke: DasMaterial folgt der Funktion, die Technik dem Material. Erst innerhalbdieses Dreiecks kann sich der Künstler verwirklichen:» Am letzten Endeist somit der Gegenstand des Kunstgewerbes das Resultat aller drei Fac-toren, des Zweckes, des Materials und der Technik, wozu denn als vier-

23

Gustav Pazaurek: Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe, Stuttgart,Berlin 1912; Adolf Loos: Ornament und Verbrechen( 1908). In: Ders.( Hg.):Sämtliche Schriften 1897-1930, Bd. 1. Wien u.a. 1962, S. 276-288.

24 Vgl. Pazaurek 1912( wie Anm. 23), hier S. 15.

25

Jakob von Falke: Ueber Kunstgewerbe( Auszug aus der Wiener Zeitung Nr. 169,170, 171, 174, 175, 176 und 177). Wien 1860, hier S. 5 und 6.

13