302 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXI/ 120, 2017, Heft 3+ 4
Wohnraum. Diese Merkmale machen die Stube zum Ort, in dem sichentwickeln konnte, was man heute Wohnkultur nennt. Diese zentraleBedeutung der Stube wird auch sichtbar, wo sich die Besitzer der Stube( wie im Wiener Volkskundemuseum) über dem Türstock aufgeschrie-ben finden, was die Stube pars pro toto symbolisch mit dem ganzenHaus gleichsetzt. Zum Wohnen, zum Ausbilden von„ Kultur“ war Vor-aussetzung, dass es nicht nur einen beheizbaren, sondern einen rauch-freien lange oftmals separat abgezimmerten – Raum gab, in dem sichetwa Wandschmuck entwickeln konnte. Die Bedeutung dieses rauchfreibeheizbaren Raumes erweist sich auch in der Qualität der Möbel, wie siein dem hier annoncierten Buch gezeigt werden.
Und damit ist ein weiterer Aspekt der Sachgeschichte dieser Möbelangesprochen. Die vertäfelten Tiroler Stuben und ihre Einrichtunghaben zu verschiedenen Zeiten und vor allem unter dem Aspekt„ vonder Etsch bis an den Belt" das Interesse von Museen wie von potentenSammlern geweckt und auch Anlass zu frühen und späten Beutezügengegeben. Als Ergebnis dieser Wellen sind Tiroler und dann insbesondereSüdtiroler Möbel vor allem im deutschsprachigen Raum heute weit ver-streut zu finden. Tirol und insbesondere Südtirol muss um 1900 für dieMuseen in Nürnberg, Hamburg, München, Dresden, Leipzig oder auchWien eine Art Eldorado für die Aufkäufer von Möbeln gewesen sein.Aus der Abtei Neustift bei Brixen etwa stammt ein Sakristeischrank aufder Burg Kreuzenstein, den Graf Johann Nepomuk Wilczek ebenso wiemehrere tirolische Giebelschränke in sein historisiertes Burgensembleeingegliedert hat. Dieser Polarforscher, Kunstmäzen, Kunstsammler undPhilanthrop, eine prominente Persönlichkeit in der Monarchie, war seit1874 mit dem Wiederaufbau der Burg der Verwirklichung seiner damalsweit verbreiteten Mittelalter- Visionen gefolgt.
Unter dem Motto„ Ehe sie verklingen...“ hatte Johannes Künzig einstLieder aufgeschrieben. Und ehe sie verschwinden( etwa in Privathäusern)möchte auch Grießmaier Stuben und ihre Möbel aufzeichnen, denn für dieJahre nach 1960 mit ihrer verkehrsmäßigen Erschließung der Berghöfeund deren Modernisierung verbindet er einen Verlust an Gegenständenals ein„ letztes Abräumen“. Grießmair geht es dabei nicht nur um dieMöbel, sondern um deren Kontext und um eine Haltung den Dingengegenüber, die er als verloren gehend oder bereits vergangen sieht. In dasWissen um Funktion und Nutzung der Gegenstände sieht er das Bildeiner ländlichen Gesellschaft, in der die Dinge jene tiefere Bedeutung hat-die sich vor allem in der Stube und ihrem Inventar manifestierte.
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