232 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXI/ 120, 2017, Heft 3+ 4
Prozesse einzuschalten. Die„ moralische Aufmerksamkeit“ 111 kommt imAlltag ebenso wie in den analysierten Reportagen dem wirtschaftlichen,am eigenen Nutzen und der Gewinnmaximierung orientierten Handelnvon InvestorInnen, HauseigentümerInnen und MaklerInnen zu. EinSpektrum sogenannter Moralcodes eröffnet dann, weiter mit Foucaultgedacht, einen Möglichkeitsraum für ethische Subjektivierungen, also„ verschiedene Arten, moralisch, sich zu führen, verschiedene Arten fürdas handelnde Individuum, nicht bloß als Agent, sondern als Moralsub-jekt jener Aktion zu operieren“ 112. Moralcodes, die nicht zwingend„ aus-drücklich in einer zusammenhängenden Lehre“ formuliert sein müssen,sondern auch„ in diffuser Weise übermittelt werden" 113, etablieren sichgegenwärtig auch im Sprechen über Vermietungs- und Wohnungsver-gabepraktiken: Verschiedene Stimmen rufen zur Mäßigung des Drangsnach Gewinnmaximierung auf, zur Achtung der Mitmenschen und einergerechten Vergabepraxis von Wohnraum, um alte Viertelstrukturen zuerhalten und die Stadt als Lebensraum für alle zu sichern. Diese Mah-nungen kommen zumeist von Angehörigen der Mittelschicht, derenAngst um die eigene Wohnsituation in München häufig mit der Anteil-nahme mit Ausgeschlossenen einhergeht.114 Eine solidarische Haltungwird auch in den Reportagen von Verändere Deine Stadt formuliert.Damit beschreiben die Reportagen nicht nur ideale gesellschaftlicheOrganisationsformen, sondern konkretisieren bestimmte Handlungs-modi. Die Texte erscheinen wie Anrufungen zur Ausbildung von Selbst-techniken. Dass moralisierende Argumentationsweisen AkteurInnen inihren jeweiligen Feldern wiederum Vorteile verschaffen können, zeigt,dass die regulierte Praxis, die moralisch argumentierte Zurückhaltung,auch Kapital schafft.
Drittens verweist die zugrundeliegende Argumentation der Repor-tagen auf Vorstellungen davon, wie soziales Gleichgewicht in einerwohlhabenden Stadt hergestellt werden kann. Die Reportagen ver-arbeiten sowohl die Sorge um den Ausverkauf der Stadt als auch den
111 Ebd., S. 17.112 Ebd., S. 34.
113 Ebd., S. 36.
114 Vgl. Johannes Moser:„ Gentle fication"- Ein Kunst- und Aktivistennetzwerkbefördert Debatten über die urbane Wohnraumproblematik. In: Markus Tauschek( Hg.): Handlungsmacht, Widerständigkeit und kulturelle Ordnungen. Potenzialekulturwissenschaftlichen Denkens. Münster, New York 2017, S. 183-194; Frank2013 und Klein 2016( wie Anm. 61).