Aufsatz in einer Zeitschrift 
Am Rande des Münchner Wohnungsmarkts : Subjektmodelle und moralische Anrufungen in Reportagen zur Wohnungssuche
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230 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXXI/ 120, 2017, Heft 3+ 4

Moralische Anrufung- Zur Hilfeleistung für würdige Arme

Resümierend lassen sich drei zentrale Punkte in der Analyse der Repor-tagen ausmachen. Erstens funktioniert die moralische Problematisierungdes Wohnungsmarkts über die Darstellung von würdigen Armen, diesich an den Respektabilitätsstandards der gesellschaftlichen Mitte orien-tieren. Die Bedürftigen sind gesellschaftlich stigmatisiert, was ihre Chan-cenlosigkeit auf dem Wohnungsmarkt begründet. Die Texte verweisendie LeserInnen darauf, dass die Portraitierten ein gesellschaftlich aner-kanntes Leben führen wollen: Arbeit finden, geregelte Familienverhält-nisse schaffen, sich integrieren. Doch so die Botschaft- sie verfügennicht über ausreichend Kapital, um ihre Situation zu Zeiten steigenderMietpreise selbst zu bestimmen. In ihre missliche Lage sind sie unver-schuldet geraten und von Schicksalsschlägen gebeutelt, die grundsätzlichjeden und jede treffen können. Die Handlungsfähigkeit der Bedürftigenscheint bis auf wenige Szenen des erfindungsreichen Umgangs mit derMangelsituation eingeschränkt, sie sind auf das Wohlwollen von Unter-stützerInnen angewiesen: Die Rettung durch andere ist der einzige Aus-weg. Die Reportagen portraitieren damit Arme, die erstens Hilfe brau-chen und zweitens dieser auch würdig sind. Rolf Lindner führt historischwiederkehrende Einteilungen in deserving und undeserving poor" aufden Sozialforscher Charles Booth zurück, der Anfang des 19. Jahrhun-derts eine moralische Klassifizierung des Sozialen 105 vorgenommenhabe, die sich gegenwärtig rehabilitiere. Vor dem Hintergrund der wie-derkehrenden Verzahnung von sozialen und moralischen Kategorien ausdem 19. Jahrhundert konstatiert Lindner in Bezug auf die gegenwärtigeThematisierung von Erwerbslosigkeit: Die Scheidelinie in der Klas-sifikation der armen Bevölkerung bildete also nicht nur die Höhe undRegelmäßigkeit der Arbeitseinkünfte, sondern auch und vor allem diemoralische Dimension, die sich in der Bereitschaft und Fähigkeit artiku-liert, regelmäßig zu arbeiten. 106 Die vorliegenden Reportagen betonendiesbezüglich vor allem die Ordentlichkeit der Bedürftigen, ihre Integ-rationsbereitschaft sowie ihre Bescheidenheit. Der moralische Appell in

105 Rolf Lindner:, Unterschicht'- Eine Gespensterdebatte. In: Rolf Lindner, LutzMusner( Hg.): Unterschicht. Kulturwissenschaftliche Erkundungen der Armenin Geschichte und Gegenwart(= Edition Parabasen, 8). Freiburg i. B., Berlin, Wien2008, S. 9-17, hier S. 15.

106 Ebd., S. 13.