224 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXI/ 120, 2017, Heft 3+ 4
Betroffenen, die Belastung für ihre Psyche und ihr Gekettet- Sein an einenOrt, der ein respektables Leben unmöglich zu machen scheint.72
Mit dem Begriff Respektabilität benennt der Soziologe Michael Ves-ter eine„ Trennlinie“, die„ unterprivilegierte“ Milieus von„ respektablenVolks- und Arbeitnehmermilieus" unterscheidet.73 Die Europäische Eth-nologin Anna Eckert nutzt in ihrer Studie zu Langzeiterwerbslosigkeitden Begriff in einer praxeologisch ausgerichteten Perspektive und zeigt,wie AkteurInnen in ihrem Alltag versuchen Respektabilität herzustellen,beispielsweise durch das Sorgen um Körper und Gesundheit sowie dasHaushalten mit den eigenen finanziellen Mitteln: die Ablehnung vonKredit und die„ Reduktion auf das Nötigste“ 75. Auch„ bildungsbürgerli-che Praktiken" 76, wie das Finanzieren von Patenkindern oder das Abon-nieren einer Zeitung, beschreibt Eckert als Praxen, mit denen der Alltagund das Selbst gestützt werden. Die Reportagen von Verändere DeineStadt erzählen wiederkehrend vom„ ,, Mithalten' mit den Standards derrespektablen Arbeitnehmermitte" 77 seitens der Wohnungssuchenden,beispielsweise wenn Fuat Izairi über seine beiden Anstellungen als Rei-nigungskraft sagt:„ Mir macht das Arbeiten sehr viel Spaß[...], aber esreicht immer noch nicht, um eine größere Wohnung zu bekommen." 78Die Figuren des tapferen Familienvaters, der gehorsamen Arbeitssu-chenden oder der liebevollen und an der Schulbildung der Kinder inte-ressierten Mutter versinnbildlichen die Bemühungen der präsentierten
72„ Mit Kapitallosigkeit kulminiert die Erfahrung der Endlichkeit: an einen Ortgekettet zu sein." Pierre Bourdieu: Physischer, sozialer und angeeigneter physischerRaum. In: Martin Wentz( Hg.): Stadt- Räume(= Die Zukunft des Städtischen.Frankfurter Beiträge, 2). Frankfurt a. M. 1991, S. 25-34, hier S. 30.
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Michael Vester: Der Kampf um soziale Gerechtigkeit. Zumutungen und Bewälti-gungsstrategien in der Krise des deutschen Sozialmodells. In: Heinz Bude, AndreasWillisch( Hg.): Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüs-sige. Hamburg 2006, S. 243-293, hier S. 268.
Anna Eckert: Respektabler Alltag. Eine Ethnographie von Erwerbslosigkeit. Berlin[ im Druck], S. 126-128.
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Ebd., S. 115.
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Ebd., S. 142.
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Michael Vester: Soziale Milieus und politische Lager: Woher stammt die Kluftzwischen den Elitendiskursen und den Alltagsdiskursen über soziale Gerechtigkeit?Interview mit Michael Vester. In: Denkwerk Demokratie( Hg.): Sprache. Macht.Denken. Politische Diskurse verstehen und führen. Frankfurt a. M., New York2004, S. 63-85, hier S. 73.
N.N. 2016( wie Anm. 1).