218 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXI/ 120, 2017, Heft 3+ 4
des 19. Jahrhunderts zurück.43 Vor allem um 1900 ist ein starkes wis-senschaftliches und populäres Interesse für die Unterschicht in wach-senden Großstädten der Industrialisierung zu verzeichnen.44 Neben derneuen Berufsgruppe der JournalistInnen, widmeten sich auch sozialre-formerisch Engagierte und KünstlerInnen der Beschreibung von Armen.Sozialreformerische Bestrebungen gingen in diesem Diskursfeld Handin Hand mit dem Anprangern sozialer Missstände und der Sensations-lust eines bürgerlichen Publikums, das die eigene Stadt mystifizierte.45Parallelen zu ethnografischen Vorgehensweisen sind für die Elendsdar-stellungen aus historischer Sicht bereits dargelegt worden. So hat RolfLindner den Einfluss des frühen Journalismus auf soziologische Stadt-forschungen verdeutlicht.46 Und auch die in diesem Beitrag analysiertenReportagen erinnern hinsichtlich bestimmter Aspekte an ethnografischePortraits. Das Herausgreifen einzelner Fälle, um generelle Aussagen zutreffen, die Solidarisierung der Schreibenden mit den Ausgeschlossenen,das begleitende Vor- Ort- Sein und die Verwendung von O- Tönen ausGesprächen sind gemeinsame methodische und stilistische Momente.47Die analysierten Texte können nicht eindeutig einer Gattung zugeschrie-ben, sondern vielmehr zwischen Spendenaufruf und Werbung, Bou-levardgeschichte und Sozialreportage eingeordnet werden. Wie ich im
43 Vgl. Klaus Bergmann( Hg.): Schwarze Reportagen. Aus dem Leben der unterstenSchichten vor 1914: Huren, Vagabunden, Lumpen. Reinbeck 1984, S. 337-349,hier S. 348.
44 Vgl. Werner M. Schwarz, Margarethe Szeless, Lisa Wögenstein( Hg.): Ganz unten.Die Entdeckung des Elends. Wien, Berlin, London, Paris, New York. 338. Sonder-ausstellung des Wien Museums. 14. Juni bis 28. Oktober 2007. Wien 2007.
45 Vgl. Werner M. Schwarz, Margarethe Szeless, Lisa Wögenstein: Bilder des Elendsin der Großstadt( 1830-1930). In: Dies. 2007( wie Anm. 44), S. 9-17, hier S. 15.46 Vgl. Rolf Lindner: Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrungder Reportage. Frankfurt a. M. 1990.
47 Vgl. Pierre Bourdieu( Hg): Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltägli-chen Leidens an der Gesellschaft(= edition discours, 9). Konstanz 1997; ElisabethKatschnig- Fasch und Gerlinde Malli( Hg.): Das ganz alltägliche Elend. Begegnun-im Schatten des Neoliberalismus. Wien 2003.
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Patrick Champagne betont in seinem Beitrag die Unterschiede zwischen ethnografi-scher Arbeit und einer journalistischen, vornehmlich Verkaufszahlen gehorchendenDarstellungsweise von Armut. Diese Differenz ist angesichts des gegenwärtigen,stärker ökonomisierten Systems universitärer Wissensproduktion in Frage zustellen. Patrick Champagne: Die Sicht der Medien. In: Bourdieu 1997, S. 75–86.