Aufsatz in einer Zeitschrift 
Fragwürdige Episteme der Materialität : warum Theorien materieller Kultur die Komplexität der Dingwelt unterschätzen
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXXI/ 120, 2017, Heft 3+ 4

Sicherlich gibt es auch schon in der älteren Geschichte Ausnahmen,z. B. in Form der Signaturenlehre von Jacob Böhme.³ Aber wesentlichund grundlegend für die Entwicklung des Denkens über Dinge warendoch zwei Strömungen des 19. Jahrhunderts. Das betrifft zum einen dieaufkommende Konsumkritik, die nach einer genaueren Betrachtung derDinge verlangte, nur um die richtigen, nämlich die einer Gesellschaftangemessenen Güter von den falschen zu scheiden. Ganz offensichtlichgehören zu dieser Denkrichtung Henry Thoreau und Wilhelm Bode, diebeide damals mit ihren Werken eine außerordentliche Resonanz hatten.Im Kontext der rasch größer werdenden Verfügbarkeit von Konsumgü-tern äußerten sie in populärer Weise die Sorge um den Verlust an Kon-trolle, Überblick und Urteilsvermögen. Auf die falschen, schlechten,unnützen Dinge zu verzichten, den Erwerb von Gütern sorgfältig zuüberdenken, nicht nur auf die Güter selbst, sondern auch auf die Bedin-gungen der Herstellung zu schauen all diese Vorstellungen wurdenbereits damals formuliert und haben bis in die Gegenwart nichts vonihrer Aktualität eingebüßt.

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Die zweite Annährung an die Materialität der Gesellschaft geht vonKarl Marx aus. Im Grunde treibt ihn die gleiche Sorge an wie die Kon-sumkritiker. Es geht um den Kontext der immer größer werdenden Rollevon materiellen Gütern, die als Waren in die Lebenswelt der Menscheneintreten. Marx beschreibt diese Problematik, indem er auf ein doppeltesWertsystem aufmerksam macht. Ihm zufolge wird in der Gesellschaft des19. Jahrhunderts( wie auch in der Gegenwart) zwischen Gebrauchswert"und Warenwert" unterschieden. Das Auseinandertreten dieser beidenWertformen fasste Marx als einen grundlegenden, ideologisch verschlei-erten Mangel aller kapitalistischen Gesellschaften auf. Obgleich Marx zuRecht als Materialist in die Geschichte des Denkens einging, so ist doch

3 Dieter Mersch: Die Sprache der Dinge. Semiotik der Signatur bei Paracelsus undJakob Böhme. In: Martin Zenck, Tim Becker, Raphael Woebs( Hg.): Signatur undPhantastik in den schönen Künsten und in den Kulturwissenschaften der frühenNeuzeit. München 2008, S. 47-62; Martin Scharfe: Kulturelle Materialität. In:Karl C. Berger( Hg.): Erb.gut? Kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft.Referate der 25. Österreichischen Volkskundetagung vom 14.- 17.11.2007 in Inns-bruck(= Buchreihe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde, 23). Wien2009, S. 15-33.

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Henry D. Thoreau: Walden, or, Life in the Woods. Boston 1854; Wilhelm Bode:Die Macht der Konsumenten. Weimar 1904.