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Fragwürdige Episteme der Materialität : warum Theorien materieller Kultur die Komplexität der Dingwelt unterschätzen
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Fragwürdige Epistemeder Materialität

Warum Theorien materiellerKultur die Komplexität derDingwelt unterschätzen

Hans Peter Hahn

Ein Überblick über einige wichtige theoretische Strömungen in der Erforschung dermateriellen Kultur vom 19. bis zum 21. Jahrhundert ergibt eine überraschende Einseitigkeitdieser Modelle. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit wird hier anhand einiger Beispielevon Karl Marx bis Bruno Latour gezeigt, dass Konzepte zu materieller Kultur von, oftmalskaum reflektierten Defiziten geprägt sind. Diese Mängel drücken sich in bestimmtenAnnahmen aus, die mitunter zu falschen und wenig tragfähigen Bewertungen des Materi-ellen führen. Im Einzelnen sind das folgende Punkte:( 1) große Aufwertung des Materiellen,( 2) Auslöschung komplexer und widersprüchlicher Wahrnehmung zugunsten bestimmter,, Funktionen und( 3) Stabilisierung der Rolle des Materiellen auf der sozialen Ebene.

Aktuelle Trends in der Forschung zur materiellen Kultur scheinen diese Problematikerkannt zu haben und dem entgegenzuwirken, indem sie einen neuen Fokus auf Umgangs-weisen mit Dingen setzen, die nicht dem unmittelbaren Umfeld des Konsums zuzuordnensind. Beispiele dafür sind das Interesse an Recycling und an Substanzen und Stoffen, ausdenen Objekte gemacht werden. Insbesondere die alltäglichen Dinge, deren Bedeutungin der Lebenswelt nur durch sorgfältige ethnografische Forschung erschlossen werdenkann, verlangen nach einem sensibleren Umgang mit ambivalenten Bewertungen aberauch mit dem Nichtwissen im Hinblick auf viele alltäglich genutzte Dinge. Auf dem Weg zueiner nachhaltigen Theorie materieller Kultur bedarf es noch weiterer Schritte der Öffnung.Materielle Dinge sind nicht einfach eine Erweiterung bestehender Diskursfelder, sondernsollten als eine eigenständige Herausforderung aufgefasst werden.

Einleitung

Vielfach gingen Theorien materieller Kultur in den letzten fünfzig Jah-ren mit problematischen Aufwertungen des Materiellen einher. Mate-rielle Gegenstände wurden zu Teilen von Diskursen, die soziale Felderkonstituieren oder sie wurden zum komplementären Element in der