Jahrgang 
120 (2017) / N.S. 71
Seite
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Literatur der Volkskunde

Dieter Kramer: Fremde gehören immer dazu.Fremde, Flüchtlinge, Migranten im Alltag von Gestern und Heute.Marburg: Jonas Verlag 2016, 201 Seiten.

Seit den 2000er Jahren sprach die Europäische Kommission im Zusam-menhang mit Migrationsbewegungen verschiedenster Art immer wiedervon Krisenzuständen. Und spätestens im Jahr 2015 wurde der Begriff Flüchtlingskrise zum vielzitierten Schlagwort, das die deutschsprachigeMedienberichterstattung zu dominieren begann. Der mit dem Begriffder Krise auf den Punkt gebrachte und immer wieder aufgerufene Pro-blemdiskurs bestimmt seither sowohl die öffentliche als auch die politi-sche Diskussion über Migration innerhalb der Europäischen Union undan deren durch Stacheldraht, Zäune und Mauern verstärkt befestigtenAußengrenzen.

Gegen diesen europäischen Problemdiskurs schreibt Dieter Kra-mer in Fremde gehören immer dazu an. Indem er versucht, zwi-schenmenschliche Fremdheitserfahrungen und damit einhergehendekulturelle, soziale und politische Möglichkeiten und Konflikte zu histo-risieren, untergräbt Kramer den Aktualitäts- und Singularitätsanspruchder gegenwärtigen Debatte. Und damit leistet er zweierlei: Erstens ent-schleunigt Kramer den Diskurs, der in seiner Problemrhetorik maßgeb-lich von der Schnelllebigkeit der Bilder und der Halbwertszeit der Schlag-zeilen getragen wird. Und zweitens versucht er in der Zusammenschauvon gegenwärtiger und historischer Praxis Fremdheitserfahrung als viel-fältig erlebbares Phänomen des menschlichen Daseins zu erklären.

Kramers jüngster Titel umfasst sieben Kapitel, ergänzt durch ein Vor-spiel und einen voranstehenden Exkurs des Autors. In diesem unter-scheidet er seine kulturwissenschaftlichen von sozialwissenschaftlichenÜberlegungen( S. 18) und macht deutlich, dass im Folgenden insbeson-dere durch historische lebensweltliche Beispiele aus dem Alltag konkreterMenschen"( S. 20) exemplarisch das Mögliche menschlicher Erfahrung-menschlicher Fremdheitserfahrung aufgezeigt werden soll. Sein exemp-lifizierendes Vorhaben verfolgt Kramer dann auch konsequent, so sind diefolgenden Kapitel stark gegliedert und wirken mit ihren mitunter zwölfUnterkapiteln stellenweise ausgefranst und in sich nur lose aneinandergebunden, jedenfalls aber reich an Material. Ihnen allen geht jeweils einekurze Einleitung voraus, die Intention und Inhalt im einzelnen wiedergibtund so etwas Orientierung im Dickicht der Beispiele bietet.

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