136 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Dieter Kramer: Konsumwelten des Alltagsund die Krise der Wachstumsgesellschaft.Marburg: Jonas Verlag 2016, 174 Seiten.
LXXI/ 120, 2017, Heft 1+ 2
Menschen sind bereit, im alltäglichen Miteinander Einschränkungenhinzunehmen. Wenn man diese These bei Dieter Kramer liest, fällt eseinem auf Grund des weltpolitischen Geschehens erst einmal schwer,sie zu glauben. Doch Kramer zeigt mit Forschungsergebnissen aus derEuropäischen Ethnologie und den Kulturwissenschaften einerseits, wieKonsum unseren Alltag bestimmt, und andererseits, dass wir nicht aus-schließlich bestimmten Konsummustern folgen. So ist auch Suffizienz„ selbstgewählte Begrenzung“( S. 95) – immer wieder ein Motiv, von demwir uns leiten lassen, und somit konsumieren wir auch jenseits von Nut-zenmaximierung. Das impliziert auch eine Kritik an Rational- Choice-Modellen, die die Eigeninteressen der Menschen in den Vordergrundstellen. Kramers kulturwissenschaftlicher Blick auf Konsum und Alltagpositioniert prominent die Fragen: Wie wollen wir leben und wie lassensich im Alltagsleben Anknüpfungsmöglichkeiten für Nachhaltigkeit undeinen sozialökologischen Wandel finden?
Ausgangspunkt des Buches ist die Krise der Wachstumsgesellschaftinklusive ihrer Bedeutung für den Konsum im Alltag – wobei deutlichgemacht wird, dass es sich um eine„ Vielfachkrise“( S.85) handelt – Kli-makrise, Flüchtlingskrise, Finanzkrise-, deren verschiedene Aspekteauch unterschiedliche Bedeutung für die Menschen haben. Währendetwa die Finanzkrise auf viele Menschen einwirkt, erreicht die ökolo-gische so manchen Alltag kaum, da dieser Alltag oft von jeweils eigenenProblemen dominiert wird:„ Die Brücken von da hin zu den Krisen zuschlagen, ist nicht leicht, aber darum geht es in dem ganzen Buch".( S. 27)Bemerkenswert, auf den ersten Blick seltsam anmutend, aber letztlichdoch schlüssig ist der durchgehende und bewusste Verzicht auf dieBegriffe„ Modernisierung“ und„ Fortschritt“( S. 17). Denn diese sind vor-belastete und wertende Begriffe, die in idealtypischer Konstruktion diewestlichen Industriegesellschaften ins Zentrum stellen. Freilich gelingtes nicht immer, diesen Eurozentrismus ganz aufzulösen, schließlich, soKramers Argumentation, spielen sich in der„ westlichen Welt" die wich-tigsten Prozesse der globalen Menschheit ab. So werden nur in wenigenPassagen Staaten wie China und Indien in die Verantwortung geholt:„ Jeeher in Europa und USA( und China und Indien) vorbildliche Formen