Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde120 (2017) / N.S. 71Keller, Reiner: Neuer Materialismus und Neuer Spiritualismus?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Neuer Materialismus und Neuer Spiritualismus? : Diskursforschung und die Herausforderung der Materialitäten
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Reiner Keller, Neuer Materialismus und Neuer Spiritualismus?

diskursiver Berichtsform in die Welt treten darf, bedarf es einer Vielzahlangeschlossener oder besser vorgeschalteter diskursiver und nicht- dis-kursiver Praktiken. Zu letzteren zähle ich bspw. die konkrete Sammlungdes Mülls, also die Ablagerung in die Haustonne, deren Abholung durchdie Müllmänner, ihr Sortieren und Vermessen, um die Gesamtmengeunterschiedlicher Stoffgruppen in Gewicht und Volumen zu erfassenusw. Zugleich sind darin unterschiedliche Dinge verwickelt, die mehroder weniger spezifisch für das in Frage stehende Praxisfeld sind: dieTonnen, Anlagen und Fahrzeuge sind sicherlich spezifisch, das Personalebenso, dessen Schutzkleidung schon weniger. Eine entsprechende Ana-lyse muss auch hier permanent Selektionsentscheidungen treffen undbegründen. Wahrscheinlich ist es wenig plausibel, die verfügbare Ver-kehrsinfrastruktur direkt der Produktion von Mülldiskursen zuzurech-nen, die Dinge, Maschinen und das Personal der Entsorgung dafür umsomehr. Grundsatzdiskussionen über die Frage, ob es überhaupt nichtdis-kursive Praktiken gebe, sind hier wenig hilfreich. Dem auch für die Ana-lyse geltenden Motiv einer pragmatischen Auslegungsrelevanz folgendmuss sich zeigen, ob entsprechende Unterscheidungen nützliche Aspektein den Blick nehmen und differenzieren können, ob also bspw. die Trans-portpraxis des Mülls sich von der Berichtspraxis eines Sachverständigen-rats oder der Mobilisierungspraxis einer NGO signifikant unterscheidet( wie ich meine). Vergleichbares gilt für die Auswahl der Elemente, die ineine entsprechende Dispositivanalyse einbezogen werden.

Eine zweite Dimension dispositiver Bestandteile diskursiver Struk-turierungen ist mit den Dispositiven der Weltintervention angesprochen.Wenn Diskurse als Einsätze in diskursiven Kämpfen und Problematisie-rungen verstanden werden, dann kommt in den Blick, dass sie häufig dieErzeugung von Infrastrukturen der Problembearbeitung anregen. Auchhier geht es um Konglomerate von Praktiken, Dingen, Akteuren, Textenusw. Das lässt sich ebenfalls am Beispiel des Mülls illustrieren: Am Endeeiner 25jährigen Diskurskarriere steht in der Bundesrepublik Deutsch-land Mitte der 1990er Jahre die Verabschiedung des sogenannten Kreis-laufwirtschaftsgesetzes, d.h. eines regulierenden Textes, der weitrei-chende Interventionen in die Praxis der Müllbearbeitung vorschreibt.Dazu müssen neue Anlagen der Müllverwertung gebaut werden, ent-sprechendes Personal ist zu schulen, Konsumdinge sind zu klassifizierenund zu kennzeichnen, Verbote durchzusetzen usw. Auch hier könnenmesoanalytische Bilanzierungen von Ressourcenaufbauten durch diskur-sethnographische Fallstudien zur dispositiven Fallbearbeitung ergänzt

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