Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde120 (2017) / N.S. 71Keller, Reiner: Neuer Materialismus und Neuer Spiritualismus?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Neuer Materialismus und Neuer Spiritualismus? : Diskursforschung und die Herausforderung der Materialitäten
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14 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXXI/ 120, 2017, Heft 1+ 2

die gewiss verkörperte Existenzen aufweisen, aber doch in erster Linie inihrer Intellektualität angerufen sind.21 Wen( oder was) fordert Barad alsozu einer Verhaltenskorrektur auf? Wer ist der Adressat bzw. die Adressa-tin des darin enthaltenen ethischen Appells oder Versprechens? Mensch-liche Rezipient* innen? Oder, nur schwerlich vorstellbar: ein material-diskursives Werden( Becoming")?

Katharina Hoppe und Thomas Lemke weisen in einem Barad sehrgewogenen zusammenfassenden Überblick darauf hin, es handele sichum ein ebenso überzogenes wie unterkomplexes Ethikverständnis, das,, die Möglichkeit der Ausarbeitung eines tragfähigen Politikbegriffs ver-stellt. So betont die Physikerin bspw. die grundsätzliche Wichtigkeitjeglicher Intraaktion, da die Möglichkeiten dafür, was die Welt werdenmag, in der Pause ausgerufen werden, die jedem Atemzug vorangeht,bevor ein Augenblick ins Sein tritt und die Welt neu gemacht wird, weildas Werden der Welt etwas zutiefst Ethisches ist. 23 Dabei bleibe unklar,wie Kriterien zur Abwägung des ethischen Gehaltes von Intraaktionenbestimmt werden sollten und ob dann menschlichen Wesen auch posthu-manistisch ein Sonderstatus im Verantwortungsgefüge zukomme.24

Auf ein vergleichbares Grundproblem hat Maria Puig della Bella-casa kürzlich in Bezug auf Positionen von Bruno Latour hingewiesen: 25Mit dem neuen Materialismus eng verbunden ist das politische Verspre-chen einer ethisch generalisierten Care- Haltung, die endlich helfe, dieökologischen und ethischen Probleme der Gegenwartsgesellschaften zulösen. Am Beispiel Latours, der das Eigenrecht des SUV(-Fahrzeugs)dem Eigenrecht von Kröten gegenüberstellt, macht sie deutlich, dassdamit die Probleme einer Gewichtung von Relevanzen und Wertigkeitenweltlicher Entitäten eher vergrößert als behoben werden. Ähnlich lässtsich bspw. fragen: Woher kommen die Kriterien, die mir erlauben, dieLebendigkeit der Menschen in einem Raum über diejenige der Stühlein diesem Raum zu stellen und ggf. die Menschen, nicht die Stühle zu

evakuieren, wenn es brennt?

21 Katharina Block: Das Unverfügbare von seinen kulturkritischen Möglichkeiten herdenken. Unv. Manuskript, Hannover 2016, S. 4ff.

22 Hoppe, Lemke 2015( wie Anm. 8), S. 274.

23

Barad 2012( wie Anm. 10), S. 101.

24 Hoppe, Lemke 2015( wie Anm. 8), S. 271.

25

Maria Puig de la Bellacasa: Matters of Care in Technoscience: Assembling neglectedThings. In: Social Studies of Science 2011 Vol. 41( 1), S. 85–106.