Neuer Materialismus
und Neuer Spiritualismus?Diskursforschung
und die Herausforderungder Materialitäten
Reiner Keller
Der Beitrag diskutiert in einem ersten Schritt die Position des Neuen Materialismus, wieer insbesondere von Karen Barad vertreten wird. Im Anschluss an verschiedene Kritikendieser Position formuliert er dann die These, dass sich unter der Gestalt des Neuen Mate-rialismus ein problematischer Neuer Spiritualismus verbirgt, der die soziologische unddiskursanalytische Untersuchung des Materiellen eher verstellt als ermöglicht. Gegen diemit dem Neuen Materialismus verknüpfte Reontologisierung der Sozialwissenschaftenwird die Perspektive einer dispositivanalytischen Herangehensweise an Materialitäten( Dinge, Praktiken) im Rahmen wissenssoziologischer Diskursforschung gestellt.
Einführung
Unter dem vereinigenden Stichwort des Neuen Materialismus werdenseit einigen Jahren und in sehr unterschiedlicher Weise erkenntnisthe-oretische und ontologische Programmatiken wissenschaftlicher Analyseentworfen, die den weitreichenden Vorwurf an die Sozial- und Geistes-wissenschaften im Allgemeinen, u. a. auch an die Diskursforschungim Besonderen formulieren, diesen Disziplinen und Forschungspers-pektiven sowie ihren Analysen entgehe die Materialität des weltlichenGeschehens, ihnen fehle eine angemessene Ontologie, die Grundlageeiner verbesserten Wissenschaft( sowie Ethik und Politik) wäre. Der fol-gende Beitrag stellt nach einem kurzen und exemplarischen Rekursauf den Umgang mit Dingen im soziologischen Paradigma des Symbo-lischen Interaktionismus zunächst einleitend die wichtigsten Grundar-gumente vor, die den verschiedenen Positionen innerhalb des NeuenMaterialismus gemeinsam sind. In einem zweiten Schritt wird der