Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LVII/ 106

den vielbehandelten weiblichen Karneval in Lastovo ein, Tvrtko Zebec( S. 93 ff.) auf Phänomene der angewandten Volkskunde, d. h. für dasFernsehen oder Festival inszenierte Bräuche, Trachtentänze usw. GrozdanaMarošević( S. 111 ff., Musiknoten) untersucht die ,, Moreska auf der InselKorcula unter musikwissenschaftlichen Gesichtspunkten und kommt zumErgebnis, dass die im 19. Jahrhundert aufgezeichneten Melodien den italie-nischen Tänzen ruggiero und spagnoletta aus dem 17. Jahrhundertentsprechen, was gut in das Bild der Kulturabhängigkeiten in der Renais-sancezeit passt: Es ist also nicht Spanien als Herkunftsquelle für die kroati-schen Schwerttanz- Szene zu nominieren, sondern, plausibler, die Serenis-sima. Stjepan Sremac( S. 141 ff.) kann nachweisen, dass der berühmte,, kolo"-Tanz, der die politische Einheit der jugoslawischen Völker ver-sinnbildlichen soll, auf einen Besuch des Wiener Kaisers in Zagreb 1818zurückgeht, wo der Rundtanz von Edelleuten in Volkskostümen vorgeführtwurde und ein sinnreiches Gedicht des Bischofs Maksimilijan Vrhovec dieSymbolik der erstrebten Vereinigung von Kroaten, Dalmatinern und Slawo-nen erklärte. Sowohl von serbischer Seite als auch von der illyrischenBewegung wurde diese Symbolik dann weitergeführt. Ingo Schneider( Inns-bruck)( S. 159 ff.) untersucht die Durchmischung von Wirklichkeit und Mythosin der antiken und mittelalterlichen Reiseliteratur, Suzana Marjanić( S. 175 ff.)die ideologischen Grundlagen der altslawischen Mythologie, wie sie NatkoNodilo gegen Ende des 19. Jahrhunderts( re) konstruiert hat. Antonija ZaradijaKiš( S. 199 ff.) untersucht Martinsbräuche und die Verbreitung des Heiligen-kults in Nordwest- Kroatien. Es folgen 27 Buchbesprechungen. Die Vielfalt derMethoden und die thematische Reichweite der Studien insgesamt sind bemer-kenswert und dokumentieren wieder einmal, dass auch kleine Länder in schwie-riger Zeit bedeutende Beiträge zur Wissenschaft zu leisten imstande sind.

Walter Puchner

GRANDITS, Hannes: Familie und sozialer Wandel im ländlichen Kroa-tien( 18.- 20. Jahrhundert).(= Zur Kunde Südosteuropas, Bd. II/ 32). Wien/Köln/ Weimar, Böhlau Verlag, 2002, 504 Seiten.

Hannes Grandits' Buch- dies gleich vorab- ist ein fundierter Baustein zurErforschung der Geschichte dörflicher Gesellschaften in Kroatien. Es han-delt sich dabei um den detaillierten systematischen Vergleich der Entwick-lung zweier kroatischer Dörfer über einen ausgedehnten Zeitraum von rund200 Jahren. Dabei zielt der komparatistische Ansatz auf die Herausarbeitungvon Spezifika der untersuchten Lokalgesellschaften, um so grundlegende