Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
Seite
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2003, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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BOTTESCH, Martin, Franz GRIESHOFER und Wilfried SCHABUS( Hg.): Die Siebenbürgischen Landler. Eine Spurensicherung. Wien/ Köln/Weimar, Böhlau Verlag, 2002, 967 Seiten, 133 s/ w- und 17 farb. Abb., 3Pläne.

Kaum machten sich im Jahr 1990 österreichische Germanisten, Ethnogra-phen und Theologen auf, um die Lebenswelt der Landler in Siebenbürgenzu erkunden, da war die Zielgruppe schon nicht mehr richtig da. Wie auchandere Gruppen der deutschen Minderheit in Rumänien, so haben dieLandler nach dem Sturz Ceauşescus im Dezember 1989 in Scharen das Landverlassen. Lebten 1990 noch etwa 3.800 Landler in der Gegend um Her-mannstadt/ Sibiu, so ist diese Zahl bis 2002, dem Erscheinungsjahr desSammelbandes, auf 200, meist ältere Personen gesunken.

Obwohl sie von der Österreichischen Landsmannschaft 1990 mit Flug-blättern zum Bleiben in ihrer Heimat aufgefordert wurden, zog es dieLandler gen Westen. Mit dem dramatischen Appell ,, Bitte nehmt uns an!Unsere Urheimat ist unersetzbar" haben sie in einem Brandbrief bei den,, lieben Freunden in Österreich um Verständnis für die Ausreisewilligengeworben: ,, Vor allem ist es die Jugend, die weg will. Sie heiraten nichtmehr, es kommen wenige Kinder zur Welt. Also muß ein jeder verstehen,daß wir uns auf so lange Sicht hier nicht mehr halten können. Und sollte esmir gelingen, mit der Familie nach Österreich oder in die BRD zu kommen,dann schwöre ich vor Gott, nie mehr irgendwohin zu ziehen, wo ich zu einernationalen Minderheit gehöre( S. 900 f.).

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Das Dokument ist abgedruckt in dem zweibändigen, sorgfältig ediertenSammelband, dem die Herausgeber die Erläuterung Eine Spurensiche-rung" hinzugefügt haben: keine Spurensuche, wie sie betonen, sonderneine in der Volkskunde hinlänglich bekannte- Sicherungsmaßnahme ei-ner vom Untergehen bedrohten Kultur. Angesichts der Zahlen ist das sichereine zutreffende Beschreibung. Daß es sich hierbei nicht um eine notdürftigimprovisierte Sicherung, sondern um ein umfangreiches interdisziplinäresProjekt handelt, macht schon der Umfang des Werkes deutlich: Die Unter-suchung misst stattliche 967 Seiten, auf denen 25 Beiträge von noch mehrAutorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland und Rumänien, sowieZeitzeugenberichte, Dokumente und einige Fotos abgedruckt sind. DasFarbfoto auf dem Schutzumschlag deutet an, was den Leser erwartet. Eszeigt eine Straßenzeile in dem Dorf Großpold. Im Hintergrund die gie-belständigen Bauernhäuser, im Vordergrund eine Landlerfrau, die einenHandkarren zieht, erkennbar an Scheibenhut und Schurz, daneben ein Pfer-defuhrwerk mit einer rumänischen oder einer Roma- Familie. Die Heraus-geber wollten eine vorwiegend qualitative Beschreibung der wichtigsten,