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Literatur der Volkskunde
ÖZV LVII/ 106
Beseelung der ererbten Dinge hat ein Geschlecht, sie fungieren als Ver-pflichtung der Aufrechterhaltung des familiären Beziehungssystems fürFrauen und als Statussymbole für Männer. Da ganz allgemein Beziehungs-systeme durcheinandergeraten, verliert die geschlechtsdifferente Auratisie-rung zwar an Kraft, dennoch ist sie weiterhin milieuspezifisch zu orten. DieKonstruktion dieser affektiven Intensität, mit denen jenseits von jeglichemobjektiven Wert unscheinbare Dinge übernommen und inkorporiert zumErbe werden, rührt aus der Versinnbildlichung von Personen und ihrenWerten. Und das funktioniert nicht nur aus Achtung, sondern auch ausVerachtung. Freilich, so die Autorin in ihren zusammenfassenden Überle-gungen zur Praxis des Erbens, werden Dinge nur dort zur normativenOrientierung und zu Beziehungssymbolen, wo die Familie zumindest nochals ethisch gebundene Kategorie gedacht wird, dort, wo die kulturelle Praxisdes Erzählens über die Dinge Sinn macht- und sei es als Kompensation desStatusverlustes oder als soziale Kontinuierung der Sehnsucht nach Dauer ineiner sich rasch verändernden Welt. Welchen Einfluss die objektiven gesell-schaftlichen und kulturellen Veränderungen über das doch recht eng gefasstebürgerliche Milieu dieser Untersuchung hinaus auf die Erbpraxis ausüben,welche eminenten kulturellen Konfliktbereiche zwischen dem„ Auftrag“des Erbes und den gegenwärtigen Werte- und Sozialverschiebungen sichauftun, das weiter zu fragen, sehe ich als wichtige Hinterlassenschaft dieserinteressanten Arbeit.
Elisabeth Katschnig- Fasch
GRIES, Rainer: Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkom-munikation in der Bundesrepublik und der DDR. Leipzig, Leipziger Uni-versitätsverlag, 2003, 624 Seiten.
Um es gleich vorweg zu sagen, der zu kommentierende Band ist diebeeindruckende Habilitationsschrift des Historikers Rainer Gries, vorgelegtan der Friedrich- Schiller- Universität Jena. Sie ist für die volkskundlicheKulturwissenschaft besonders für zwei thematische Bereiche relevant, fürdie Erforschung der deutsch- deutschen Alltagskultur und für die Erfor-schung der materiellen Kultur im speziellen Gewand der Konsumkultur.Gries hat im Bereich der Konsumgeschichte schon vor Jahren Aufmerksam-keit erregt, als er gemeinsam mit Volker Ilgen und Dirk Schindelbeckvorschlug, die Geschichte der Werbung als Mentalitätsgeschichte zu begrei-fen und zu betreiben.
Hier nun wird ein weiterführendes, theoretisch komplexes Analysemo-dell der Produktkommunikation vorgestellt und kulturhistorisch angewen-