Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LVII/ 106

Nicht vom ökonomisch bemessenen und testamentarisch verfügten ma-teriellen Erbe ist die Rede, sondern vom inkorporierten Identitätsreservoirnoch so banal erscheinender Dinge, die durch ihre hohe symbolische undemotionale Besetzung Erbe und Auftrag werden. Hier geht es um diekulturellen, sozialen wie emotionalen Konflikte, die diese ideellen Erb-stücke schaffen, um soziale Zugehörigkeiten und Abgrenzungen, die mitihnen ihren symbolischen Ausdruck finden und um das dicht gesponneneGeflecht ihrer vielschichtigen kulturellen Bedeutung. Da werden Füllhalter,Gehstock, Sammelmappe zum Motor komplexer Prozesse, die über Gene-rationen hinweg ihre Besitzer und Besitzerinnen bewegen. Angetrieben vonder zeitlos zentralsten kulturanalytischen Frage, warum sich Menschen soverhalten, wie sie sich verhalten, dechiffriert, rekonstruiert und entschlüsseltUlrike Langbein mit Intensität und spürbarer Leidenschaft für Dinge undihre Geschichten Schritt für Schritt die Vorstellungswelten ihrer Gesprächs-partner und-partnerinnen. In semantischer Dichte seziert sie die kleinenErbschaften. Sie werden zu Protagonisten, zu Schlüsselereignissen, die zuden schmerzvollen Zusammenhängen zwischen gestern und heute, zwi-schen Lebenden und Toten führen.

Um den thematischen und methodisch mehrdimensional angelegten Rah-men zu positionieren, stellt die Autorin zunächst soziologische Zugänge, dieden doppelten institutionellen Charakter des Erbens als ökonomischenTransfer und als, familiäres Symbol" fassen und mit denen soziale Un-gleichheiten( Geschlecht, soziale Schicht, Ost- West) reproduziert werden,kulturwissenschaftlichen Zugängen gegenüber. Zum einen ist das Erbe,, zentrale Steuerungs- Kategorie" des Werte- und Normsystems( AndreaHauser) und soziale und kulturelle Praxis( Utz Jeggle), zum anderen sowohlein integrierender wie dissoziierender Prozess der Familienreproduktion( Jack Goody/ E.P. Thompson; David Sabean). So werden Ansätze aus dervolkskundlichen Gemeindeforschung, aus der historischen Sachkulturfor-schung und aus der anthropologischen Sozial- und Familienforschung zurkomplexen Kulturtechnik des Erbens zusammengeführt, welche die Werteund zwischenmenschlichen Beziehungen einer Gesellschaft über die Bezie-hung zu Dingen normativ ordnet und familiäre Kontinuität sichert. UlrikeLangbein setzt auf einen subjektorientierten Weg ihrer Analyse, der vonkonkreten Akteuren und Akteurinnen zwar ausgeht, deren Wort jedochhinter dem der Autorin verborgen bleibt. Den kulturellen und sozialenProzess des Erbens entfaltet sie aus der interpretierten Beziehungsge-schichte zwischen dem Besitzer bzw. der Besitzerin und den Erbstücken.

Klassiker der kulturellen Logik der Gabe, wie Marcel Mauss und GeorgSimmel, fungieren in einem kritischen Exkurs als Kontrastfolie ihres eige-nen, nach diesen subjektiven Aspekten des Erbens und Schenkens suchen-