2003, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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über ostdeutsche kommunalpolitische Reaktionen, bis hin zu Vorstellungenüber die ehemalige innerdeutsche Grenze reicht das Spektrum an Interpre-tationen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West.
Nachdem man einen guten Überblick erhalten hat- nicht nur über dieEntwicklungen in Deutschland, sondern auch darüber, worüber Forscher mit,, fremdem Blick" in Deutschland forschen-, entsteht der Eindruck, geför-dert durch die analytische Schärfe und kritische Auseinandersetzung derAutoren, dass das Buch selbst ,, typisch deutsch" ist. Die Gliederung ver-weist auf schon länger besprochene deutsche Themen: die grundsätzlichenkulturellen Muster, Holocaust und Fremdenfeindlichkeit, sowie( vor allemtürkische) Migranten und natürlich„ den Osten“. Aber die ethnologischenForschungen zu Deutschland und den Deutschen in diesem Buch findenneue Antworten auf diese Themen, die abweichen von einer kulturellenCharakterisierung einer Nation und ihrer Bewohner. Der ,, wilde Afrikaner“auf dem Buchcover untersucht den Deutschen zwar ähnlich, wie Mali-nowski ehemals die Massim der Trobiand- Inseln erforscht hat, versuchtdabei aber vom Klischee ,, des Deutschen“ und kulturellen Zuschreibungenwegzukommen, um neuere Entwicklungen in Deutschland heraus zu arbei-ten. Dadurch liefert ,, Inspecting Germany" nicht nur dichte Beschreibungenund Interpretationen des gesellschaftlichen Geschehens in Deutschland,sondern auch analytische Beispiele dafür, wie man Ethnologie heute betrei-ben kann.
Katerina Kratzmann
LANGBEIN, Ulrike: Geerbte Dinge. Soziale Praxis und symbolischeBedeutung des Erbens(= alltag& kultur, Bd. 9). Köln/ Weimar/ Wien,Böhlau Verlag, 2002, 256 Seiten.
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Dass Erben nicht bloß die Übertragung ökonomischer Ressourcen ist, son-dern ganz basale kulturelle und soziale Reproduktion, hat in unserem Fachbisher keine konsequente Forschungsaufmerksamkeit erfahren. Mit UlrikeLangbeins veröffentlichter Dissertation könnte dieses Thema hoffent-lich Schwung holen. Denn auch wenn sich die Welt ins Groteske verzerrt,auch wenn alle Tabus gebrochen, verulkt und verpoppt werden, das Erbe derVäter bleibt als unantastbares Heiligtum, das von seinen noch so unseligenBesitzern auch ums Verrecken bewahrt wird... Mit der Geschichte von derUhr aus dem Kultfilm der Neunziger ,, Pulp Fiction" entwirft die Autorineingangs ihre Intention: Die Macht des Erbes schafft Auftrag und Identitätund produziert auch hinter spätmodernen Kulissen kulturelle Eigentlichkeit.