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Literatur der Volkskunde
ÖZV LVII/ 106
Gebäude zu zimmern, hat Scharfe alle diese Ideen in seine Gegenwartgebracht. Hierbei baut er auf Poppers Gedanken des„ Überschusses" imWerke auf das Werk beinhaltet mehr, als der Künstler weiß, d. h., Nach-folgende setzen es in neue Erkenntnisgeflechte. Für Scharfe ist dies, amRande, Grund zur Kritik und Ermunterung,„ lieb und bequem gewordeneWissenschaftskonventionen zu überdenken“( S. 26) – gemeint ist vielleichtdie Empirie mit ihrer kontextimmanenten Befragung, die das Augenmerkauf das Hier und Jetzt des ethnographischen oder historischen Momenteslenkt. Doch wird Scharfe mit seinem Menschenwerk kaum der fachtypi-schen Spezifik und der punktuellen, dringlichen Einsicht ins Menschsein dieDaseinsberechtigung entziehen wollen. Ein Fach bedarf der theoretischenReflexion und Summierung, aber auch der unmittelbaren Auseinanderset-zung mit Praktiken und Akteuren, die um die Deutung ihrer Gegenwärtigkeitringen.
Auf der Grundlage seiner kulturtheoretischen Bausteine kann Scharfesich gegen Ende des Buches auch mit fachinternen theoretischen Vorgängernbefassen und deren Erkenntnisse unter der seiner eigenen Theorie inhären-ten Rubrik des Missverständnisses einordnen( etwa das„ Zersingen“ oderdas ,, gesunkene Kulturgut“). Insgesamt ist die Frequenz der im Fach disku-tierten und hier aufgegriffenen, aber im Gesamtaufbau integrierten Themenbeträchtlich. Auf welche Weise Martin Scharfes Werk, das jetzt losgelöstvon seinem Schöpfer in Welt 3 residiert, in- und außerhalb des Fachesaufgegriffen werden wird, bleibt zu sehen. Die vermittelten Denkanstößeempfehlen es jedenfalls zur Diskussion in unserer Welt 2.
Regina Bendix
HAUSCHILD, Thomas, Bernd Jürgen WARNEKEN( Hg.): InspectingGermany. Internationale Deutschland- Ethnographie der Gegenwart(= Fo-rum Europäische Ethnologie, Bd. 1). Münster/ Hamburg/ Berlin/ London, LitVerlag, 2002, 568 Seiten.
Das Buchcover und der Titel zeigen an, worum es in diesem sehr vielfältigenund anregenden Band der beiden Tübinger Herausgeber Hauschild undWarneken geht: Ein afrikanischer Ethnologe in traditioneller afrikanischerBekleidung steht ,,, bewaffnet" mit Stift und Schreibblock, vor einem Mannum die sechzig mit einem Schäferhund an der Leine. Mit dem Ausdruckkritischer Beobachtung bei der Feldforschung mustert er das hochgewach-sene Forschungsobjekt, welches Brille trägt und durch Jagdhut und-klei-dung dem Klischee des„, typisch Deutschen" entspricht. Der beobachtende