Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
Seite
477
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVII/ 106, Wien 2003, 477–518

Literatur der Volkskunde

SCHARFE, Martin: Menschenwerk. Erkundungen über Kultur. Wien/Köln/ Weimar, Böhlau Verlag, 2002. 387 Seiten, 114 Abbildungen, Bild-nachweise, Namensregister.

Selten lässt sich in kurzer Zeit die Entwicklung und Wirkung einer wissen-schaftlichen Persönlichkeit aus so vielfältiger Perspektive einsehen, wie dasim Verlauf von knapp zwei Jahren für Martin Scharfe der Fall ist. Zwischender Publikation der umfangreichen Festschrift Volkskundliche Tableaus( Siegfried Becker et al.( Hg.), Münster 2001)' und den von Harm- PeerZimmermann herausgegebenen Beiträgen zum Festkolloquium anlässlichScharfes 65. Geburtstag( Was in der Geschichte nicht aufgeht, Marburg2003) hat Martin Scharfe selbst ein Buch vorgelegt, in dem er die ver-schiedenen Pfade nachzeichnet, entlang welcher sich ihm der Kulturbegriffaufgezeigt hat. Kultur das ist für Scharfe ,, Menschenwerk" oder, in derKonzeption von Karl Popper, der in diesem dichten Text an prominentererster Stelle als Kulturtheoretiker eingeführt wird, sind es die Manifestatio-nen in der Welt der Objektivationen.

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Ebenfalls recht selten ist die Veröffentlichung von Vorlesungen, obwohlgerade Wissenschaftler im deutschsprachigen Europa im Laufe ihrer Berufs-tätigkeit verhältnismäßig viel an grundlegender Forschung und Wissens-verarbeitung vorlesenderweise vermitteln. Menschenwerk erwuchs aus Vor-lesungen zum Thema ,, Was ist Kultur?" in Graz und Marburg von 1995 bis1999. Die im pädagogischen Kontext eingesetzten zahlreichen Folien wer-den im Buch zu Illustrationen, die dem Betrachter aber gleichzeitig MartinScharfes Wege zur Erkenntnissuche in Erinnerung rufen: Aus dem oftzufällig gefundenen Bildlichen, von Ölgemälde oder kirchlicher Schnitzereibis zu Cartoon und halb verdeckter Graffiti, ergeben sich für ScharfeEinblicke und Einsichten, die sich als Anstoß und Prüfsteine für theoretischeVorgaben eignen. Die bezüglich ihrer sozialen Abstammung sehr unter-schiedliche Genese dieser Visualisierungen interessiert Scharfe hier nicht.Sein Buch begibt sich auf die Suche nach dem Kulturbegriff im Werkwestlicher Denker vom 18. bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,wobei stets der Mensch in Ganzheit interessiert. Die im Fach( und seinem

1 Vgl. die Besprechung von Klara Löffler in Heft 3, S. 369-374.