Jahrgang 
106 (2003) / N.S. 57
Seite
451
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LVII/ 106, Wien 2003, 451-476

Chronik der Volkskunde

Wie glatt muss Volkskunde heute sein?

Das Volkskundemuseum in Graz eröffnet nach langer Schließzeitmit einer neuen Schausammlung- eine Ausstellungskritik

,, Habet also Mut und laẞt Euch durch nichts lähmen.Hänget ja nicht sklavisch am Alten, von mir Aufgestellten."

Wie die Volkskunde dazu neigt, ihre Quellen selbst zu schaffen, unterschei-den sich die in ihrem Geiste entstandenen Museen von anderen Häusern desSammelns, Verwahrens und Vermittelns durch die Fähigkeit, selbst Objektezu generieren: Diesen Eindruck jedenfalls könnte gewinnen, wer sich un-vorbereitet auf einen Rundgang durch das am 16. Mai 2003 wiedereröffneteMuseum in der Paulustorgasse begibt. Gleich zu Beginn trifft man dortnämlich auf eine Reihe von Objekten, deren Ursprung im Museum selbstliegt. Es sind offensichtlich eilig und en bloc in den Sammlungsbestandinventarisierte Ausstellungsmöbel, Einrichtungsstücke und Dokumente ausder Zeit der Einrichtung des Hauses durch Viktor von Geramb. Sie spieleneine gewichtige Rolle in der den eigentlich gegenständlichen Kapiteln desMuseums vorgespannten Abteilung ,, Volkskunde im Museum", wo unteranderem von ,, Ausstellungskonzepten und Zeitgeist gehandelt wird.

Eines signalisiert die Neuaufstellung damit gleich im Entree: Das Volks-kundemuseum 2003 will sich seinen Beständen, seiner Geschichte undseinen Vorläuferinstitutionen mit reflexiver Geste nähern. Und es hat hoheAnsprüche an sich selbst, denn es will- so das der Präsentation leitsatzartigvorangestellte Postulat- nicht nur die Begegnung mit historischen Zeugnis-sen ermöglichen, ihren Sinn und ihre Bedeutung freilegen, sondern rekla-miert für sich auch eine prospektive Funktion: Seine Bestände ,, so auszu-stellen, dass dieses[ ihnen eingeschriebene, B.T.] Wissen zugänglich wird,darin liegt die von der Gesellschaft dem Museum zugewiesene Aufgabe.Erfahrungen daraus zu schöpfen und für die Zukunft nutzbringend anzuwen-den, darin liegt der Wert des Museums für die Zukunft."

1 Aus dem sog. ,, Geramb- Testament", vgl. Kundegraber, Maria: Viktor von Ge-ramb an seine Nachfolger. Ein Beitrag zur Geschichte des Steirischen Volkskun-demuseums. In: Blätter für Heimatkunde. Hg. vom Historischen Verein fürSteiermark, 58( 1984), H. 1, S. 3-15, hier S. 8.