Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Bauer, Johannes B.: Zur Symbolik von Mohnblume und Mohnkapsel auf Grabsteinen

  
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Zur Symbolik von Mohnblume und Mohnkapsel auf Grabsteinen
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2003, Heft 4

Mitteilungen

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Verdickung am Stengel vor Ansatz der Fruchtkapsel und abgerundete Endender Narbe oder auch Porenlöcher vorhanden sein." 9

Außer der medizinischen( als Narkotikum) und der kulinarischen Bedeu-tung des Mohns und neben der allgemeinen Beziehung zu Schlaf und Tod,begegnen wir einer gewissen sinnbildlichen Bedeutung in einem homeri-schen Gleichnis: ,, Teukros schnellte einen Pfeil gerade auf Hektor zu; ihnzu treffen strebte sein Mut. Und ihn verfehlte er, doch den untadeligenGorgythion... traf er in die Brust. Und wie ein Mohn senkte er das Haupt,das von Helm beschwerte."( Ilias 8,301-308 W. Schadewaldt)

Was hier der Sohn des Priamos erlitt, erleidet bei Vergil( in vollerNachahmung Homers) Euryalus: Schon hatte die Klinge des Volcenskraftvoll die Rippen durchstoßen, die schimmernde Brust ihm gespalten.Sterbend wälzte Euryalus sich, die lieblichen Glieder rötete Blut, schlaffglitt schon der Nacken über die Schultern; ebenso sinkt die von der Pflug-schar zerschnittene purpurne Blume matt auf die Erde, läßt auch der Mohnim Prasseln des Regens von den erschlaffenden Stengeln sinken die präch-tigen Blüten."( Aeneis 9,437 D. Ebener)

Hermann Fränkel hat das homerische Gleichnis deutlicher erklärt. Erschildert die Gestalt eines epischen Kriegers: ,, Der Leib im Lederkoller trägtein Haupt, welches durch das gewaltige Gebäude eines Helms von mächti-gem Umfang und Gewicht beschwert ist." Das fühlbare statische Missver-ständnis gab Anlass zum Vergleich mit dem Mohn, der auf dünnem Stiel eineüberschwere Frucht zu tragen hat. Der Vergleich mit dem fruchtbeschwertenMohnstengel ist nicht für empfindsame Verwendung geschaffen worden,sondern für den derben Kriegerwitz. Dafür spricht Il. 14,499: das abgeschla-gene Haupt des Feindes wird an der Lanze, die noch in der Augenhöhlesteckt ,,, hochgeschwenkt wie eine Mohnfrucht. 10

Anzuschließen ist hier noch eine, symbolische Handlung"." Die Antwort,die der alte Tarquinius gibt, ist so eine: Dieser Bote erhielt, weil er, wie ichglaubte, nicht vertrauenswürdig war, keine Antwort in Worten. Der Königdurchschritt wie in Gedanken versunken den Garten des Hauses, der Bote folgteihm; dort soll er beim Gehen ohne ein Wort zu sagen die höchsten Häupter desMohns mit seinem Stab abgeschlagen haben."( Livius 1,54,6) Der Empfänger

9 Farber, W.: Mohn. Reallexikon der Assyriologie, Bd. 8. Berlin( 1993/97),S. 345 f. Bleibtreu, F.: Mohn in der Bildkunst. Reallexikon der Assyriologie,Bd. 8. Berlin( 1993/97), S. 346-148. Mit gutem Grund heißt das neuhebräischeWort für Mohn päräq, nach Buxdorf, J.: Lexicon Chaldaicum, Talmudicum etRabbinicum. Basel 1639, 1841: in calamis vel in culmis est geniculum, nodus.10 Fränkel, H.: Die homerischen Gleichnisse. 2. Aufl. Göttingen 1977, S. 40.11 Bauer, J. B.: Symbolische Handlungen. In: Lurker, M.: Wörterbuch der Symbo-lik. 5. Aufl. Stuttgart 1991, S. 724.