Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde106 (2003) / N.S. 57Bauer, Johannes B.: Zur Symbolik von Mohnblume und Mohnkapsel auf Grabsteinen

  
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Zur Symbolik von Mohnblume und Mohnkapsel auf Grabsteinen
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ÖZV LVII/ 106

Johannes Chrysostomus deutet die Etymologie von Zömeterium so: DerOrt heißt koimeterion, damit du erfährst, das die Gestorbenen und daselbstLiegenden nicht gestorben sind, sondern schlafen. ³

Das schließt an griechische Vorstellungen an. Kallimachos dichtet beredt:,, Saon, des Dikes Sohn, der Akanthier, schlummert den heiligen Schlaf hier.Nenn es nicht Tod, ging der Gerechte zur Ruh." In einem anderen Grabge-dicht lesen wir: Die Rede sei, lieber Mann:, Popilia schläft. Denn nichtrecht wäre es, vom Tod guter Menschen zu reden: nein, süßen Schlafesgenießen sie." Nicht anders der Christ Gregor von Nazianz: Hier istNonna, die treue, zum tiefen Schlaf entschlummert und ihrem trautenGemahl Gregor mit Freuden gefolgt."

Als Schlafbringer ist der Mohn seit alters bekannt, Belege bieten dieLexika in Fülle. In Vergils Gedicht vom Landbau ist die Rede von ,, Mohn,getränkt mit dem Schlaf des Vergessens"( G. Herzog- Hauser, Lethaeo per-fusa papavera somno). Unzählige Male bis ins Mittelalter ist von sopori-ferum papaver( Verg. Aen. 4,486) die Rede.

Nichts freilich erfahren wir über seine etwaige Symbolik. Darstellungengibt es schon in der minoischen Kunst."

Bekannt ist der Mohn auch im alten Ägypten. Er wurde im Gartenangebaut, wie Fußbodenmalereien in El Hawata vermuten lassen. Blüten-funde gibt es von einem Blumengewinde aus der 22. Dynastie und aus dergriechisch- römischen Zeit. Man fand Ornamente bei der Schmuckherstel-lung, wenn auch die Deutung als Mohnkapseln nicht eindeutig ist. AndereForscher sehen darin Kornblumen oder Granatäpfel. Ein ägyptischer Namefür Mohn ist nicht bekannt, ebensowenig wie im Hebräischen. Im vor-islamischen Mesopotamien fehlen jegliche Hinweise auf die Pflanze oderihre Produkte. Dass das früher als akkadisches Wort für Mohn gehaltene irrusei, ist unrichtig. Darstellungen aus vorislamischer Zeit zeigen Fruchtkap-seln als Schmuckformen oder auch als Elemente des heiligen Baums.Unsicher freilich ist, ob diese Fruchtkapseldarstellungen als Mohn, alsGranatapfel oder als Fruchtkapseln von Seerosen aufzufassen sind. Eineindeutiges Unterscheidungsmerkmal ist noch nicht gefunden. ,, Um eindeu-tig auf die Wiedergabe von Mohnkapseln schließen zu können, müssten eine

3 De coemeterio et de cruce 1. Patrologia Graeca 49( 1862), Sp. 393.

4 Kallimachos: Anthologia Graeca VII, 451( ed. H. Beckby, Bd. 2. München 1957,S. 271).

5 Peek, W.: Griechische Grabgedichte. Berlin 1960, S. 163, Nr. 271.

6 Kallimachos: Anthologia Graeca VIII, 60( ed. H. Beckby, Bd. 2. München 1957,S. 479).

7 Ziegler, K.: Mohn. Der Kleine Pauly, Bd. 3. Stuttgart 1969, S. 1390 f.

8 Germer, R.: Mohn. Lexikon der Ägyptologie, Bd. 4. Wiesbaden 1982, S. 189 f.